Kapitel 05 Martha

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An einem Mittag regnete es mal wieder. Martha lieh sich Cornelias Schirm. Kaum betrat sie die Straße, um die Brücke zu überqueren, riß ihr eine Windböe den Schirm aus der Hand. Der schwebte elegant segelnd über das Brückengeländer und trieb der Saar zu, um dort auf Nimmerwiedersehen in den Fluten zu versinken.

Ein Blick auf die Uhr des Juwelierladens – Martha war überfällig. Die Ampel schaltete von Grün auf Rot, als sie in letzter Sekunde über die Fahrbahn hastete. Während die übrigen Fußgänger sicher auf den Gehweg gelangten, fand Marthas Stöckelabsatz mit traumwandlerischer Sicherheit das einzige Loch auf der Fahrbahn – das eines Kanaldeckels – und blieb prompt darin hängen. Das Weitergehen wurde abrupt gebremst. Während Martha hilflos mit den Armen ruderte, um das Gleichgewicht zu halten, hatten die Autos längst freie Fahrt. Aber da stand diese Frau mitten auf der Straße und ahmte die Bewegungen eines Schutzmannes nach. Die Autofahrer schimpften, hielten jedoch an, bis Martha mit ziemlichem Kraftaufwand ihren Absatz abbrach und dann flott, wenn auch hinkend, weiterging.

Von dem Fest einer Kollegin berichtete sie folgende Episode: „Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einer großen Hochzeitsfeier geladen und haben sich dafür ein besonders schickes, langes Kleid gekauft. Sie wollen ja eine gute Figur machen. Gerade noch geschafft, steigen Sie als letzte aus dem Auto vor der Kirche. Von einem unbändigen Glücksgefühl erfüllt, schlagen Sie mit Wucht die Tür des Wagens zu. Der erste Schritt – ein gedämpftes RitschRatsch klingt an Ihr Ohr, und es ist nicht die Braut, die alle bewundern. Nein, Sie sind es, denn aus dem langen Kleid ist ein gewagter Mini geworden. Der Rest hängt in der Wagentür. Verzweifelt greifen Sie das vordere Stück des Kleides und drapieren es gekonnt um die Hüften. Die Umstehenden versuchen mit Nadeln und Broschen den Rest festzustecken. Damit nicht genug: Nach der Trauung gehen alle in ein FirstclassRestaurant. Die Gäste befinden sich in Hochstimmung. Das Essen war ausgezeichnet, und der Nachtisch wird serviert. Ausgerechnet in dem Augenblick, als der Kellner den Eisbecher mit Früchten bringt, drehen Sie sich um und rücken den Stuhl nach hinten. Der Kellner gerät aus der Balance, und der Früchtebecher landet in Ihrem Ausschnitt.“

Martha trug all diese Ereignisse, Pannen und Malheurs mit Humor. Wahrscheinlich wurde sie, neben anderen Gründen, auch deshalb besonders gemocht.

Nachdem Cornelia in der Kollegschaft ungeteilt Aufnahme gefunden hatte, erfuhr sie viel Unterstützung; auch in privater Hinsicht – als ihre Mutter so krank wurde – begleiteten sie die Kolleginnen Gisela und Inge. Das Betriebsklima konnte nicht besser sein, sie freute sich auf jeden neuen Arbeitstag.

Das änderte sich mit einem Schlag. Herr Schneider wurde versetzt, und ein neuer Mann, Busoni, trat an seine Stelle. Als er sich vorstellte, gewann Cornelia den Eindruck von einem gestiefelten Kater. Ihm fehlte nur das rote Käppchen mit der Pfauenfeder.

Sie konnte nicht sagen wieso, aber vom ersten Händedruck an wußte sie: Mit dem gibt’s Ärger. Beim Händedruck dachte man an einen Lämmerschwanz, schwammig, feucht, er war ihr zuwider. Busoni, mittelgroß, das Haar glatt nach hinten gekämmt, wobei ihm laufend eine Haarsträhne ins Gesicht fiel, wirkte ansonsten gepflegt. Trotzdem störte Cornelia etwas, auch wenn sie noch nicht wußte, was genau. Altersmäßig Anfang dreißig, rangierte er unter der Rubrik „junge, dynamische Kräfte“. Wer auf die Vierzig zuging, Berufs und Lebenserfahrung mitbrachte, gehörte bereits zum alten Eisen, zu den Schlechtvermittelbaren, den Gruftis. Und die waren out of time.