Kapitel 04 Ein Neubeginn

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M a r t h a , hörte sie die aufgeputschte Menge auf der einen Seite schreien. C o r n e l i a , grölte es aus unzähligen Kehlen von der anderen Seite der Arena her. Es fehlte nur noch im Hintergrund das Brüllen der Löwen in ihren Käfigen und Nero. Nero, der allmächtige Kaiser, der mit seinem Daumen nach oben oder unten zeigte – Tod oder Leben. Dieses groteske Bild ließ Cornelia schlagartig in die Wirklichkeit zurückkehren. Allein die Vorstellung, daß der Mensch – egal zu welchen Zeiten – stets darauf bedacht war, Machtpositionen abzustecken, dem oder den anderen seine Meinung aufzuzwingen und ihn gnadenlos zu unterjochen, machte sie betroffen. Beschämt riß sie Marthas Arm hoch und schrie:

„Hoch lebe die Gladiatorin und Siegerin Roms, Martha Schulze! Gnade für die Besiegte!“

Martha verstand nichts. Sie schaute die junge Frau ungläubig an, gerade, als würde sie an deren Verstand zweifeln, aber sie merkte, beide hatten ihr Pulver verschossen. Als Cornelia ihr das voller Phantasie ausgeschmückte Bild erklärte, brach sie in ein nicht enden wollendes Gelächter aus, um anschließend zu erklären:

„Ein Gewitter reinigt die Luft. Ich glaube, das war zwischen uns lange fällig. Auf gute Zusammenarbeit, Frau Schorn,“

dabei streckte sie ihr versöhnlich die Hand entgegen, die Cornelia ergriff und kräftig schüttelte. „Einverstanden, Frau Schulze. Auf gute Zusammenarbeit.“

Sie lachten immer noch in Gedanken an die römische Arena und konnten sich kaum beruhigen, als sie einträchtig die Kaffeeküche verließen. Ein Dutzend Augenpaare schauten ihnen draußen erwartungsvoll entgegen. Martha nahm davon keinerlei Notiz, sondern fragte:

„Wissen Sie eigentlich, was mich in die Küche getrieben hat, Frau Schorn?“

„Ich nehme an, Sie wollten Kaffee kochen.“

„Richtig! Das läßt sich ja nachholen.“ Es dauerte nicht lange, da kam sie mit zwei Tassen aus der Küche zurück. Eine davon stellte sie auf ihren Schreibtisch, die andere auf Cornelias Tisch, mit dem Kommentar:

„Ich möchte nicht, daß Sie auf dumme Gedanken kommen und mir diese Arbeit abnehmen.“

„Danke, der Kaffee wird uns sicherlich gut tun, Frau Schulze.“

„Und ob.“

Der ausgetragene Schlagabtausch läutete eine Freundschaft ein, die Jahrzehnte überdauern sollte – bis zu Marthas Tod.