Kapitel 04 Ein Neubeginn

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„Sie müssen wissen, ich suche zwei Kräfte: eine Sekretärin, doch vor allem eine befähigte Kraft, die in unserer Bezirksdirektion die Abteilung Leben aufbauen kann. Mit anderen Worten, mir liegt daran, daß Sie den Posten der Abteilungsleiterin übernehmen und eine andere Bewerberin den der Sekretärin.“

„Das klingt alles sehr verlockend, Herr Schneider, aber bitte, wo ist da der Haken? Eine Abteilung aufbauen und leiten, und das ohne Versicherungskenntnisse meinerseits, ist das nicht zu gewagt für Ihr Unternehmen? Sie müssen wissen, der Name Ihrer Versicherung war für mich bisher Schall und Rauch. Ich habe auf diesem Gebiet keinen blassen Schimmer, kenne gerade die gesetzliche Krankenversicherung als Arbeitnehmerin. Ich kann mir daher schwer vorstellen, daß Sie ein solches Risiko eingehen wollen.“

„Ihre Ehrlichkeit ist erfrischend, Frau Schorn. Sie dürfen jedoch beruhigt sein. Ohne Fachkenntnisse lassen wir Sie nicht auf die Menschheit los. Entsprechendes Fachwissen kann Ihnen durch mehrere Lehrgänge vermittelt werden, die Sie allerdings sofort absolvieren müßten. Der erste Lehrgang beginnt in einer Woche. Was halten Sie von meinem Vorschlag? Trauen Sie sich diese Position zu?“

In Cornelias Leben hatte es bei derartigen Entscheidungen nie ein „Nein“ oder „das kann ich nicht“, nicht einmal ein „Vielleicht“ gegeben. Um es bildlich auszudrücken: Sie war stets kopfüber vom Zehnmeterbrett ins Wasser gesprungen, ohne Schwimmen zu können. Hier bot sich ihr die Chance, noch einmal in eine gänzlich neue Branche hineinzuwachsen. Wieso also sollte sie zögern? Ihr Entschluß stand Sekunden später fest:

„Wenn Sie mir das entsprechende Vertrauen entgegenbringen, mich für den Posten geeignet halten und mich fachlich fördern, okay, versuchen wir’s.“

„Eine Frau, ein Wort, das gefällt mir, Frau Schorn. Ich bin überzeugt, wir haben beide die richtige Entscheidung getroffen. Würden Sie bitte noch den Fragebogen ausfüllen“, wobei er ihr ein bedrucktes Blatt Papier zuschob.

Er ließ ihr zum Lesen und Ausfüllen genügend Zeit und richtete fast zehn Minuten kein Wort an sie. Seine Aufmerksamkeit galt ihren Papieren und dann der Straße, die er von seinem Fenster aus gut überblicken konnte. Als er ihr Paßfoto betrachtete, schoben sich seine Augenbrauen wie bei einem Boxerhund zusammen, was irgendwie komisch wirkte und sie schmunzeln ließ. Sie wußte, es war eine gelungene Aufnahme von ihr. Er klappte schließlich die Mappe zu und kam auf die Gehaltsfrage zu sprechen, über die sie sich schnell einigten. Eine Erhöhung ihrer Bezüge sollte nach sechs Monaten erfolgen.

„Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit und möchte Sie jetzt unserem Direktor vorstellen.“

Er geleitete sie zur Tür, hielt diese auf. Der Weg führte durchs Großraumbüro in die entgegengesetzte Richtung. Auf halbem Weg rief die Blondine: „Herr Schneider, bitte Telefon, die Zentrale.“

„Entschuldigen Sie mich für einen Moment. Das Direktionszimmer ist gleich da hinten links“, erklärte er noch.

Cornelia war unschlüssig: Sollte sie warten oder allein weitergehen? In der ihr eigenen Art des Handelns entschloß sie sich zu letzterem. Sie klopfte kräftig an besagter Tür und drückte die Klinke herunter, noch bevor das „Herein“ zu hören war. Sie nahm zwar den Schatten einer Frau hinter sich wahr, betrat aber bereits das Direktionszimmer und stellte sich dem in einem Sessel sitzenden Direktor vor. Herr Schneider kam wenige Minuten später. Ein paar freundliche, aber belanglose Worte vom obersten Boß an Cornelia, dann war auch das erledigt, und Herr Schneider begleitete die neue Mitarbeiterin zum Ausgang.