Kapitel 03 Der erste Versuch

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Fehlschläge kommen selten allein. Eines Morgens rief sie der Chef zu sich:

„Machen Sie uns bitte einen Kaffee.“

Eine ungewöhnliche Bitte. Sie konnte sich nicht erinnern, mit ihm in all den Jahren im Büro Kaffee getrunken zu haben.

„Liebe Frau Schorn, Sie waren für mich immer eine unentbehrliche, hochgeschätzte Mitarbeiterin“, begann er.

Ihre Augen verengten sich und ihr Lächeln gefror. Die Einleitung besagte nichts Gutes, ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

„Es ist Ihnen sicher nicht entgangen, daß wir nach dem geplatzten Japan-Geschäft einige Probleme haben. Um es genau zu sagen, die Firma befindet sich in großen Schwierigkeiten. Die Bank hält uns nicht mehr für liquid.“

„Steht es so schlimm, Herr Direktor?“

„Noch schlimmer. Kurz gesagt: Ich bin pleite, muß Konkurs anmelden, alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen entlassen.

„Und da ist wirklich nichts mehr zu machen?“

„Nein, leider nicht. Ich wollte, daß Sie es als erste erfahren. In der morgigen Betriebsversammlung werde ich das Ende unserer Firma bekanntgeben. Ich bin überzeugt, Sie werden bald eine neue Stelle finden, Frau Schorn.“

„Sicher.“

Sie machte sich keine Sorgen um sich, aber um Frau Lange. Auch wenn der Chef gebeten hatte, noch nichts durchsickern zu lassen, in diesem Fall mußte sie gegen seine Anordnung verstoßen.

Als er in die Mittagspause ging und „Auf Wiedersehen“ sagte, bat sie Frau Lange zu sich. Es fiel ihr schwer, diese schlechte Nachricht zu vermitteln. Aber es half nichts.
Frau Lange erblaßte, holte tief Luft, schluckte und räusperte sich, als sei ihr etwas in die falsche Kehle geraten. Stille. Schließlich meinte sie:

„Mit einer solchen Katastrophe habe ich nicht gerechnet.“

„Ich auch nicht! Tut mir leid. Vielleicht können wir uns hin und wieder einmal privat treffen. Was meinen Sie?“

„Gern, wenn es sich einrichten läßt, Frau Schorn.“ Eine erneute Pause, dann: „Jede Katastrophe hat immer zwei Seiten. Es wird nicht leicht sein in meinem Alter, etwas Neues zu finden. Wenn alle Stricke reißen, muß ich meine stille Reserve angreifen. Ich denke, daß ich zusammen mit dem Arbeitslosengeld bis zur Rente über die Runden komme. Große Ansprüche habe ich eh keine. Und falls ich nichts finde, kann ich mich besser um die Pflege meiner Mutter kümmern“, setzte sie tröstend hinzu.

Cornelia war froh, Frau Lange mit der neuen Situation so pragmatisch umgehen zu hören, und ihre Sorgen um die Mitarbeiterin wichen zurück.