Kapitel 03 Der erste Versuch

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Aufstände und Krawalle an den Universitäten und in Hörsälen bestimmten die Tagesordnung. Rote Zellen bildeten sich an den Fakultäten. Akademische und moralische Werte galten als verstaubt, bigott und wurden für tot erklärt. Demonstrationen gegen den VietnamKrieg, gegen das SchahRegime, gegen Medien und Kapitalkonzentration und gegen Konsumterror fanden täglich statt. Kaufhäuser gingen in Flammen auf, aber auch Gewalt und Terror waren im Anmarsch. Die Baader-Meinhoff-Bande verbreitete später Angst und Schrecken.

Cornelia machten die täglichen Nachrichten, die da über den Bildschirm ins Wohnzimmer flatterten, Angst. Sie hatte mit dem real existierenden Sozialismus ihre eigenen, besonderen Erfahrungen gemacht und die Nase voll davon. Deshalb fühlte sie sich erleichtert, als die Euphorie des Umbruchversuches nachließ und die meisten der „wilden 68er“ wieder zu den Pfründen der Väter und an Mutters Kochtopf zurückkehrten. Eine Minderheit nur schloß sich Sekten an, es gab die Hare Krishna Jünger, die Cornelia aber nicht als gefährlich einstufte. In Gewändern buddhistischer Mönche, mit kahlgeschorenen Köpfen und Blumen behängt, zogen die jungen Leute singend und bettelnd durch die Straßen der Innenstädte.

Über ein Jahr dauerte es, bis Cornelia mit ihren Aufzeichnungen an ein Ende gelangte. Das fertige Manuskript lag vor ihr. Sie spürte erst einmal das Gefühl großer Genugtuung und Befreiung. Selbst dann noch, als sie beim Durchlesen resigniert feststellen mußte, daß sie viele Zeitabschnitte und Erfahrungen hatte auslassen müssen, um die Menschen nicht zu gefährden, die ihr in schweren Zeiten beigestanden hatten und noch in der DDR lebten. Das fünfhundert Seiten umfassende Manuskript „Schatten der Vergangenheit“ war zwar fertig, aber die schwierigste Aufgabe lag noch vor ihr: einen geeigneten Verlag zu finden, der ihr Werk veröffentlichen würde. Mit viel Optimismus und null Erfahrung machte sie sich an die Arbeit. Sie bot ihr Manuskript Ende der sechziger Jahre zirka fünfundzwanzig Verlagen an. Danach bedurfte es großer Geduld, da die Rückmeldungen oft Monate auf sich warten ließen, tröpfchenweiße eintrafen und durchweg aus Absagen bestanden.

Nicht ein einziger Verlag interessierte sich ernsthaft für „Schatten der Vergangenheit.“ Woran lag dieses Desinteresse? Zweifel stellten sich ein, zermarterten ihr Hirn mit tausend Fragen. Solange, bis ihre grauen Zellen revoltierten: Dein Manuskript ist geschichtsträchtig und gut, daran besteht kein Zweifel. Daß es irgendwann ein Erfolg wird, ist ebenfalls unbestritten. Was du in deiner Blauäugigkeit, mit deinen Erwartungen dagegen völlig außer Acht gelassen hast, betrifft den politischen Zeitgeist, es ist der sogenannte Kalte Krieg. Die Politik der Verlage wiederum ist marktorientiert ausgerichtet und in ihren Möglichkeiten begrenzt. Überlege einmal genau, Bomben über Deutschland – Inferno über Dresden, das ist immer noch ein TabuThema.

Es hätte schon eines sehr risikobereiten und unabhängigen Verlages bedurft, eine Geschichte über die Zerstörungswut der Siegermächte im Zweiten Weltkrieg und gegen das menschenverachtende System der DDRRegierenden herauszubringen. Und das zu einem Zeitpunkt, als die westdeutsche Regierung Honecker & Co. zu hofieren begann, als die Verantwortlichen Unsummen für den Freikauf von politisch Inhaftierten bereitstellten und damit der maroden DDRWirtschaft Überlebenshilfe boten. Cornelia lernte sehr schnell einzusehen, daß es für dieses, ihr Werk, speziell auf die Wahl des Zeitpunktes ankommen würde. Und der schien im Augenblick nicht gegeben.

Sie legte ihr Manuskript auf Eis, deponierte es zur Aufbewahrung in einem Koffer bei ihren Eltern. Eines Tages würde sie es hervorholen und für seine Veröffentlichung kämpfen.