Kapitel 03 Der erste Versuch

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Und plötzlich begann Gertrud Lange, der Sekretärin aus ihrem Leben zu erzählen. Da waren nach Kriegsende die beiden grausamen Jahre während der Internierung in einem Lager in der Pfalz. Die physischen und psychischen Erniedrigungen, die unendlich zermürbenden Verhöre verstörten sie nachhaltig und zerstörten die Hoffnung auf eine fast normale Zukunft. Obwohl Männer und Frauen im Lager getrennt untergebracht waren, fanden sich hin und wieder Möglichkeiten zu kurzen heimlichen Zusammenkünften. Gertrud hatte sich verliebt und mit einem der Internierten im Lager verlobt; dem Sohn und Erbe einer großen Weinkellerei in Pirmasens. Die Liebe, für die sie lebte, gab ihr ein wenig Hoffnung auf eine gesicherte Zukunft außerhalb des Stacheldrahtes. Eine Fehlkalkulation; die Schwiegermutter, Geschäftsfrau durch und durch, hatte für ihren Sohn längst eine bessere Partie vorgesehen und lehnte Gertrud von Grund auf ab. Was die Liebenden in der Haft zusammengeschweißt hatte, zeigte sich im Licht der Freiheit in ganz anderen Farben. Ein Jahr des Zusammenlebens und sie mußte einsehen, daß die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft wie eine Seifenblase zerstob. Ob aus Mitleid, falschem Ehrgefühl oder mehr noch aus Feigheit, ihr Verlobter log und verschwieg, daß ihr Dasein für ihn bedeutungslos geworden war, er sogar beabsichtigte, in eine andere Weinkellerei einzuheiraten. Nach der von ihr herbeigeführten Aussprache packte sie ihre wenigen Habseligkeiten und reiste nach Saarbrücken, in ihre alte Heimat. Das Vertrauen in die Männer hatte sie verloren. Sie beschloß, vorerst keine neue Bindung einzugehen, und später ergab sich durch die Pflege ihrer erkrankten Mutter keine Chance mehr. Sie beendete ihre Lebensbeichte mit dem Satz:

„Und so bin ich heute noch solo, eine ungewollte Single, und werde es wohl bis an mein Lebensende bleiben, Frau Schorn.“

Cornelia fühlte sich vom Erzählten ergriffen. Auch wenn sie aus ihrem Leben im Gegenzug nichts preis gab, wußte sie Frau Langes Vertrauen sehr zu schätzen.

Es traf Cornelia ziemlich unvorbereitet, als der Chef seine Auslandsaktivitäten urplötzlich einstellte. Sie war wütend. Gefährdete er damit doch erheblich die Fertigstellung ihres Romans. Für sie hieß das, alle Niederschriften wieder allein aufs Wochenende zu verlagern, was bei Peter keinerlei Begeisterung hervorrief. Im trauten Heim hatte schließlich die züchtige Hausfrau zu walten, mit dem Bügeleisen über Kragen und Manschetten der mit Hofmannscher Stärke besprühten Hemden zu streichen. Da sie auch Unterwäsche und Socken bügelte, sammelten sich bis zum Wochenende Körbe damit an. Ein Glück, daß ihr das Bügeln glatt von der Hand ging. Konnte sie währenddem doch ihren Gedanken und ihrer Phantasie freien Lauf lassen.

Die Küche dagegen gehörte nicht zu ihrem Metier. Sie kochte gut, jedoch ohne ein Verlangen, ständig etwas Neues auszuprobieren. Ihr Gänsebraten war exzellent, andere Köstlichkeiten gelangen ebenfalls, aber drei Sterne würde sie sich als Köchin nicht an die Mütze heften können und auch nicht wollen. Fürs Backen fehlte ihr eh jegliches Talent.
An der Nähmaschine war sie, wie ihr der sehr kritische Peter bestätigte, dagegen ein As. Alles was zur Schneiderkunst gehörte, ging ihr mühelos von der Hand. Das entsprechende Gen hatte sie wahrscheinlich von ihrer Großmutter väterlicherseits geerbt. Auch im Hausputz war sie äußerst pingelig. Sogar die Terrasse mußte auf Hochglanz gebohnert werden.

Rückblickend ließ sich nur sagen: Sie mußte verrückt gewesen sein, sich kräftemäßig derart zu verausgaben. Oder war das Ganze ein Ventil, sich den angestauten Frust vom Hals zu schaffen? Von Peter kam keine Hilfe im Haus. Er war für die Pflege und Erhaltung des Gartens zuständig. Für ihre Schreibarbeit blieben nur die frühen Morgenstunden des Sonntags, eine Zeit, in der ihr Ehegespons selig schlummernd im Bett lag und von einer besseren Welt träumte. Die gab es aber nicht! Man schrieb das Jahr 1968. Eine Zeit, in der die Studenten revoltierten, von demokratischem Sozialismus und einer unerreichbaren Gleichheit und Solidarität phantasierten. Großes Verständnis hegte sie für den Aufschrei der Frauen, die für eine straffreie Abtreibung auf die Straße gingen und sich ihr Recht auf eigene Entscheidung und Verantwortung erkämpften. Was in der DDR zur Selbstbestimmung der Frau dazugehörte und damit Normalität war.