Kapitel 03 Der erste Versuch

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Sie horchte auf: Hieß das, es stand schlecht um die Firma? Ihr blieb keine Zeit zum Nachdenken, denn seine Stimme ertönte bereits über Sprechfunk von nebenan:

„Frau Schorn! Machen Sie mir bitte einen guten Kaffee“, wobei er „guten“ besonders betonte. „Den brauche ich jetzt dringend.“

Während sie den Kaffee in die Filtertüte schüttete, überlegte sie, daß ihr die Abwesenheit des Chefs sehr gelegen kam. Neben der Mittagspause ließen sich bestimmt eine bis eineinhalb Stunden abzweigen, um an ihrem Roman zu schreiben. Diese Überlegungen waren weder mit Skrupel noch einem schlechten Gewissen verbunden. Sie hatte in den vergangenen Jahren eine Menge unbezahlter Stunden bei Besprechungen geopfert, ohne Aufhebens davon zu machen. In ihrer Stellung wurde so etwas als selbstverständlich vorausgesetzt. Ihre persönliche Schreibarbeit betrachtete sie deshalb als vollkommen legitim.

Der Kaffee war durchgelaufen. Sie servierte ihn auf einem kleinen Tablett: schwarz, mit vier Stück Zucker. Er probierte:

„Endlich wieder ein richtiger Kaffee! Sie sind und bleiben eine wirkliche Perle, Frau Schorn.“

„Vielen Dank, Herr Direktor.“

Typisch Macho, Herr über die Seinen, dachte sie im Hinausgehen. Ob Emanzipation jemals bis zu ihm vordringen würde? Wie für die meisten Chefs hatte die Sekretärin auch hier eine gute Fee zu sein, die die Wünsche von heute bereits gestern erfüllte, alle Unannehmlichkeiten vom gestreßten Boß fernhielt, keine Besprechung oder einen Termin vergaß und Gäste stets mit einem hinreißend freundlichen Lächeln zu bewirten wußte. Vor allem mußte sie neben ihrer fachlichen Qualifikation diskret sein. Sie durfte weder den Hochzeitstag  noch den Geburtstag der Gattin, der Kinder oder einer eventuellen Freundin vergessen und nie verwechseln, wohin welche Blumen zu senden waren. Noch etwas mußte sie gut können: Kaffee kochen. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllte, war nach Meinung vieler für den Posten in der Chefetage ungeeignet.

Cornelia würde die kommende Zeit zum ersten Mal für sich nutzen. Denn nach einem Tag voller Hektik im Büro, gestreßt vom täglichen Einkaufen, dem Schlangestehen an der Kasse und ermüdet vom allabendlichen Kochen, fielen ihre Geistesblitze nicht mehr allzu ergiebig aus. Dazu galt es Forderungen und Ansprüche ihres Mannes zu erfüllen, was ohnehin nicht immer leicht war. Peter – ein Nachtmensch – ging erst gegen ein oder zwei Uhr zu Bett. Es hatte sie früher oft geärgert. Im Augenblick kam ihr das gerade recht. Sie gewann Zeit, trieb im Bett ihre Aufzeichnungen voran, am nächsten Morgen korrigierte und tippte sie alles in die Maschine. Frau Lange war ihr dabei eine große Hilfe. Sie hatte längst bemerkt, daß mit der Sekretärin etwas nicht stimmte: vor allem an Tagen, an denen Cornelia eine Sonnenbrille trug, um ihre vom Weinen geröteten Augen dahinter zu verbergen. Mit dem Schreiben häuften sich nämlich die Momente, in denen Cornelia mit der Erinnerung an das Erlebte nicht fertig wurde und innere Kämpfe ausfocht. Eines Tages allerdings verlor sie die Kontrolle. Sie brach in Tränen aus. Frau Lange brachte ihr einen Kaffee und drückte sie wortlos an ihren Busen, was Cornelia dankbar und ohne Widerspruch geschehen ließ.

„Kopf hoch, Kindchen.“

Keine andere Kollegin hätte Cornelia mit „Kindchen“ anreden dürfen. Wieder rannen Tränen. „Ich wünschte, ich könnte das tun, was Sie machen: sich alles von der Seele schreiben. Oder irre ich mich? Sie müssen nicht darauf antworten. Es gibt Zeiten, da ist so etwas unmöglich. Ich weiß das aus Erfahrung.“

Allein ihr Verständnis tat Cornelia gut.

„Danke, Frau Lange. Wollen Sie sich nicht ein wenig zu mir setzen? Wir könnten zusammen Kaffee trinken. Sie haben eh noch Mittagspause.“

„Gern, Frau Schorn. Ich möchte allerdings nicht stören, falls Sie lieber allein sein wollen.“

„Nein, im Gegenteil, ich freue mich, daß Sie da sind. Wie geht es Ihrer Mutter?“ versuchte Cornelia das Thema zu wechseln.

„Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich von Woche zu Woche.“

„Das tut mir leid.“

„Wissen Sie, solange ich in der Lage bin, meine Mutter zu pflegen, möchte ich sie keinesfalls in ein Heim geben. Aber bei einem Ganztagsjob ist das nicht einfach.“

„Das verstehe ich.“