Kapitel 02 Norderney

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Sie schaute ihn an. Ein versonnenes Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Sie denken, ich sei eine Närrin, nicht wahr? Vielleicht haben Sie sogar recht.“ „Sie sollten mit dem Füttern der Möwen vorsichtig sein, denn ihre kräftigen, gelben Schnäbel können ganz schön zuschlagen und Sie gar verletzen“, meinte er, wobei er etwas näher rückte.

„Ich weiß!“

„Sie sind ein äußerst rätselhafter Mensch, liebe Frau Schorn. Viel zu poetisch für unsere phantasielose, nur auf Macht und Besitz ausgerichtete Zeit“, dabei nahm er ihre Hände und strich behutsam darüber. „Haben Sie Lust, mit mir heute Abend ins LeuchtturmRestaurant zu gehen? Ich glaube, es wird Ihnen dort gefallen. Es ist mein letzter Abend, und ich wäre glücklich, ihn mit Ihnen verbringen zu dürfen.“

„Ja, ich komme gern, Frank Mayer, mit ay.“

Der Leuchtturm ist mit seinen 54,60 Metern das höchste Bauwerk der Insel. 253 Stufen mußten die beiden hinaufklettern, um schließlich den Aussichtsturm zu erreichen. Der Ausblick entschädigte sie für die Anstrengung, er war einfach toll, und Frank Mayer erklärte:

„Sie können etwa 40 Kilometer weit im Umkreis sehen. Schauen Sie, östlich sehen Sie Holland liegen, im Norden Baltrum und Langeoog, im Süden erblicken Sie die Stadt und den Hafen. Im Westen liegen Juist und Borkum.“

Im Leuchtturmrestaurant ließen sie sich ein Glas Rum schmecken. Der Abend senkte sich, und die sich unaufhörlich drehenden riesigen Strahlenbündel gaben ihr das Gefühl, als wollten diese den nächtlichen Himmel mit ihrer eigenen, ganz besonderen Botschaft durchdringen und nicht nur die Männer da draußen auf ihren Schiffen sicher durch die Nacht geleiten. Beide erfaßte eine melancholische Stimmung, und Frank Mayer meinte auf dem Nachhauseweg:

„Ich werde gern an diese Tage mit Ihnen zurückdenken, Frau Schorn. Vielleicht begegnen wir einander einmal wieder. Es würde mich sehr freuen.“

„Mich auch.“

„Sie sind eine wunderbare, zugleich aber auch sehr rätselhafte Frau für mich, wie ich bereits einmal erwähnte. Ihr Wesen strahlt soviel Wärme und Güte aus. Auf der anderen Seite zeigen Sie sich von einer Unnahbarkeit und Strenge gegen sich selbst und andere, was mich förmlich erschreckt. Ich habe nicht das Recht, Fragen zu stellen. Eine Bitte aber möchte ich aussprechen dürfen:

Schreiben Sie! Schreiben Sie sich alles von der Seele, egal, ob Freude oder Kummer, einfach das, was Sie empfinden, Sie beglückt oder bedrückt. Sie werden die richtigen Worte finden, die Menschen damit erreichen und Ihnen sicher viel zu sagen haben. Schreiben Sie ein Buch!“

„Vielleicht.“

„Nein, bestimmt! Versprechen Sie mir das?“

„Ich werde darüber nachdenken.“ Woher sollte er wissen, daß sie schon vor vielen Jahren einem Menschen dieses Versprechen gegeben hatte, ihrer Großmutter.

Sie waren vor Cornelias Hotel angelangt. Nachdem sie sich alles Gute auch zur Nacht gewünscht hatten, trennten sich ihre Wege.

Frank Mayer reiste zu Cornelias Bedauern am frühen Morgen ab. Die anregenden Stunden, seine burschikose, lockere Art zu reden, Dinge zu erklären und beim Namen zu nennen, würden ihr fehlen.

Fast eine ganze Urlaubswoche lag noch vor Cornelia. Sie wollte sich im VogelSchutzgebiet umsehen, vielleicht einen Besuch im FischerhausMuseum machen, noch einmal zur weißen Düne hinauswandern und vor allem zur Wetterstation auf die Georgshöhe pilgern.

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