Kapitel 02 Norderney

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Allein hätte sich Cornelia nie so weit hinaus gewagt, aber Frank Mayer kannte sich gut mit den Gezeiten aus: „Wissen Sie, um mit dem Meer eins zu werden, es wirklich zu fühlen, müssen Sie barfuß durchs Wattenmeer gehen, in ihm versinken, so daß jeder Nerv des Fußes diese Urgewalt des Lebens in sich aufnimmt und wirken läßt.“

Er hatte recht. Es war ein sonderbares Gefühl, den Schlick unter ihren Füssen zu spüren. Kleine Tiere krabbelten durch den fettig braunen Schlick, der für Cornelia wie eine flüssige Schokolade aussah.

Tags darauf machten sie eine Bootsfahrt, wobei sie das Glück hatten, die Seehunde, auch Heuler genannt, zu beobachten. Die possierlichen Gesellen mit ihren langen Barthaaren, den großen Augen, die für Cornelia irgendwie fragend und traurig zugleich blickten, beeindruckten sie. Bedauerlich, daß immer wieder eines der Tiere in eine Schiffsschraube geriet, sich verletzte und elend verendete. Auch die Tiere mußten ihren Tribut an die Technik dieses Jahrhunderts zahlen, Schiffe, die vorüberzogen und die nicht nur für die Menschen schädlichen Abfälle bedenkenlos ins Meer kippten. Da gab es schnittige, große Passagierdampfer, erkennbar an ihren hohen Aufbauten, dann Frachter, Tanker und Seeschlepper sowie die auf der Insel stationierten Rettungsboote.

Nach dieser Bootsfahrt setzten sich Frank und Cornelia noch ein wenig in die Dünen.

„Darf ich davon ausgehen, daß es Ihnen gefallen hat? Wenn Sie sich sehen könnten, Ihr Gesicht spricht Bände“.

„Ja, es war ein wunderschönes Erlebnis.“

„Ich habe Sie in den Tagen unseres Beisammenseins nie so gelöst gesehen, Frau Schorn. Heute wirken Sie entspannt, ruhig und ausgeglichen. Bisher hatte ich immer das Gefühl, als richteten sich Ihre Blicke in die Ferne, erwarteten von dort etwas Besonderes.“ „Sie haben es richtig erkannt, ich bin rundherum glücklich, und ich danke Ihnen für Ihre uneigennützige Begleitung, Frank Mayer mit ay“, lächelte sie. „Es ist diese wilde Romantik, die mich gefangennimmt, das Schauspiel der Wellen, das mich fasziniert, auf gewisse Art sogar in Spannung und manchmal auch Unruhe versetzt, weil ich dieses für mich so einmalige Naturereignis nie richtig begreifen werde, es aber gern möchte.

Und sagen Sie bitte nicht, das sei alles physikalisch erklärbar. Natürlich ist es das, aber das meine ich nicht, wenn Sie verstehen. Haben Sie abends schon einmal am Strand gestanden, wenn vom Himmel herab Millionen Sterne funkeln? Was haben Sie dabei gefühlt, wenn das volle runde Gesicht des Mondes das Watt in ein kaltes, gläsernes Licht taucht und Sie die Wellenkämme nur noch verschwommen wahrnehmen können? Mir ist dann stets, als würden sich tausend Schleier auf und ab bewegen, festgehalten an dieser Grenze. Oder am Tag, wenn das Meer aufgewühlt ist, voller Zorn. Dann klingt es in meinen Ohren wie das Herannahen eines Flugzeuggeschwaders oder wie das laute Grollen des Donners, was mich stark ängstigt.

Auf der anderen Seite hat es etwas Zärtliches, Tröstendes, sanft Einwiegendes in seiner Melodie, wie eine unendlich weiche Mutterstimme, die ihr müdes Kind in den Schlaf singt, ihm die Sorgen von der Stirn küßt.

Schauen Sie nur, wie leicht die Wellen jetzt dahintanzen. Dieses Auf und Ab, ist das nicht fast mit einer Ballettsuite von Mozart vergleichbar? Ihr Klang ist so zart und schmeichelnd. Es lockt und raunt: Komm, komm. Oder wenn die Sonnenstrahlen sich wie Diamanten im Wasser spiegeln, eine goldene Straße bauen, welch faszinierendes Bild! Vielleicht möchten uns sogar die Gräser ein Märchen, Geschehnisse aus längst vergangenen Zeiten erzählen, wenn sie sich sacht im Wind bewegen, sich zu uns herüberbeugen? Leider haben wir verlernt, ihre Sprache wahrzunehmen. Da, die Möwen, sehen Sie, wie sie mit ihren ausgebreiteten Schwingen dahingleiten, ja fast in der Luft stehen? Sieht es nicht aus, als hätten sie ihre weißen Flügel wie einen Brautfächer ausgebreitet, wenn die Sonne durch ihr Gefieder leuchtet? Sie schweben förmlich, um gleich darauf herabzusegeln und einem sacht das Futter aus den Fingern zu stibitzen.“

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