Kapitel 02 Norderney

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Am Abend verabredeten sie sich zu einem Bummel durch das hübsche Städtchen, das mit seinen Ladenpassagen ein klein wenig den Eindruck von einem orientalischen Basar aufwies. Für Kraftfahrzeuge war die Innenstadt gesperrt und blieb allein den Fußgängern vorbehalten. Sie fanden beide Spaß am Betrachten der GeschäftsAuslagen und den sich durch die oft schmalen Straßen schlängelnden Touristen. So verlockend auch die Ladengeschäfte für Cornelia waren, so gern hielt sie sich außerhalb des Trubels auf. Frank Mayer und sie bummelten gemeinsam durch die Grünanlagen des Kurhauses, dessen Bau sie mit seinen klassischen Rundbögen und Säulen erfreute. Auch hier herrschte eine Atmosphäre der Ferienseligkeit. Im Café Central tranken sie einen Tee und lästerten über Gott und die Welt.

In den fünf Tagen, in denen Frank Mayer sie über die Insel führte, lernte sie mehr von diesem Fleckchen Erde kennen, als mancher Urlauber, der jedes Jahr seine Ferien hier am Strand verbrachte. Als hätte sie das Glück mit dem Wetter für sich gepachtet, schien ihr ein Tag schöner zu sein als der andere: tiefblauer Himmel, kein Regenwölkchen weit und breit. Bereits frühmorgens marschierten sie los, mal bei Ebbe, mal bei Flut. Es war Ebbe, als Cornelia weit draußen einen Seestern fand. Sie hob ihn hoch und betrachtete ihn genauer. Es sah ganz so aus, als würde er eine Unmenge kleiner Füßchen ausstrecken, um wieder in sein nasses Element zurückkehren zu dürfen. Behutsam setzte sie ihn in eine Wasserlache, wo er sich tatsächlich vorwärts bewegte. Eine Vielzahl Muscheln breiteten sich auf dem feuchten Sandboden aus. Sie kannte zwar nicht ihre Namen, aber für sie war jede auf ihre Art einmalig. Es erinnerte sie an eine Zeit, in der sie als junge Frau Muscheln in Zempin gesammelt hatte, um damit die Sandburg am Strand der Ostsee zu schmücken.

Zweimal am Tag zog sich das Meer zurück. Es gab einen Teil seines Grundes frei, als würde es von einer unsichtbaren Hand zurückgehalten, wie unter magnetischem Zwang, der ihm befahl:

Bis hierher und nicht weiter. Dann wurde diese Fläche wieder und wieder mit seinen Fluten bedeckt, und das Meer kam ihr jedes Mal wie ein gezähmtes Raubtier vor, das, sobald man ihm den Rücken kehrte, in seine urwüchsige Wildheit zurückfiel.

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