Kapitel 02 Norderney

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Entspannt, fast verträumt setzte sie einen Fuß vor den anderen, als ihr auf dem Rückweg in den Dünen urplötzlich der lange Lulatsch entgegentrat.

„Hö, das ist aber eine nette Überraschung! Waren wir verabredet, Frau ..., wie war gleich Ihr Name?“

„Schorn.“

Wieso ließ sie sich so einfach von ihm übertölpeln?

„Sollte ich gar unsere Verabredung vergessen haben? Das wäre unverzeihlich.“

Sie ging auf seinen scherzhaften Ton ein, war aber auf der Hut, sich nicht erneut austricksen zu lassen.

„Männer sind eben auch nur Menschen. Glauben Sie ja nicht Ihre Vergeßlichkeit hätte mich enttäuscht.“

„Das beruhigt mich ungemein, Frau Schorn. Mein Name ist übrigens Frank Mayer, mit ay. Darf ich mich Ihnen anschließen? Zu zweit macht es mehr Spaß, die Insel zu erkunden.“

„Ich bin bereits auf dem Rückweg.“

„Um so besser! Ich kenne in der Nähe ein uriges Lokal. Da können wir etwas verschnaufen, falls Ihnen das recht ist.“

Sie mußte zugeben, ein wenig erschöpft zu sein. Als Stadtmensch war sie so ausgedehnte Spaziergänge nicht gewohnt.

„Hö“, sagte Frank Mayer auch hier, als sie die Gaststube betraten. Im Inneren sah es wie in einer richtigen Fischerstube aus. Netze hingen an der Wand, Seesterne waren darauf drapiert. Auf einem Bord war ein wunderschönes Segelschiff in einer Bouteille zu bewundern. Cornelia ging etwas näher heran, um dieses Kunstwerk zu bestaunen, wobei sie sich unwillkürlich fragte, wie es wohl möglich sei, so etwas in einer Flasche unterzubringen. Von der anderen Seite des Raumes glotzte sie ein Schwertfisch durchdringend an. Die übrigen Wände schmückten Bilder mit Fischern, die Tabakspfeife im Mund, den unerläßlichen Sweater auf dem Kopf.

„Wat soll’s sein?“

knurrte der Wirt ziemlich unfreundlich, wie es Cornelia schien.

Von dem einheimischen Dialekt, mit dem der Lulatsch die Bestellung aufgab, verstand sie kein Wort. Der Wirt hingegen trollte sich nach einem „woll, woll“ oder ähnlichem.

„Ist man hier immer so mürrisch?“ wollte sie wissen.

„I wo, das hört sich nur so an.“

„In welcher Landessprache haben Sie sich gerade verständigt? Ich habe nämlich kein Wort von diesem Kauderwelsch verstanden.“

„Entschuldigen Sie, es war ostfriesisch.“

Und dann erzählte er ihr bei einer dampfenden Fischsuppe, daß er als kleiner Junge die letzten beiden Kriegsjahre mit seiner Mutter auf der Insel verbracht hatte und deshalb den Dialekt immer noch so gut beherrsche. Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, daß er als Reporter arbeitete, seit einem halben Jahr glücklich verheiratet war und eine Reportage über den Rettungsdienst und die Wetterstation auf der Insel vorbereitete. Es bliebe ihm allerdings genügend Zeit, um den Aufenthalt als Urlaub anzusehen.

„Wenn Sie wollen, würde ich mich Ihnen gern als Führer zur Verfügung stellen.“

„Warum machen Sie ausgerechnet mir ein solches Angebot?“

„Können Sie immer genau sagen, warum Sie etwas tun?“ war seine Gegenfrage. „Ich weiß es selbst nicht. Ich finde, es wäre auch zu banal zu behaupten, weil Sie mir gefallen, obwohl das der Wahrheit am nächsten käme.“

„Schön, daß Sie so offen sind, Herr Mayer mit ay.“

„Wieso nicht? Ich habe Sie schließlich als bezaubernde Gesprächspartnerin kennengelernt.“

„Ist es für solche Vorschußlorbeeren nicht etwas zu früh?“

„Ich glaube nicht, Frau Schorn.“

„Danke für die Blumen.“

Sie sah keinen Grund, sein Angebot abzulehnen, zumal Annäherungsversuche bei einem erst sechs Monate verheirateten Mann kaum zu befürchten waren.

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