Kapitel 02 Norderney

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Ich könnte einige weitere, aktuelle Namen hinzufügen, die das Metier sehr gut beherrschen. Hier spielt sicherlich der größere Erfahrungsschatz der Männer eine Rolle. Männer suchen das Abenteuer. Früher spielten sie den Cowboy, den Held und Ritter, heute den SuperManager, IndustrieBaron, MafiaBoß, Strategen oder Feldherrn, und das möglichst nicht nur auf dem Papier. Aber auf dem Papier können sie ihrer Phantasie viel mehr Nachdruck verleihen. Ihre Lügen fließen leichter aus der Feder und werden letztendlich sogar Wahrheiten, an die sie nur allzugern glauben, sich mit ihnen identifizieren können und spiegeln. Zum Glück sind die Frauen ja auch hier auf dem Vormarsch.“

Sie hatte das wohl herausfordernder gesagt als beabsichtigt, der Mann schaute sie plötzlich sehr eigenartig an.

Irgendwie war ihr die Lust zu einem Gespräch vergangen. Sie rief nach dem Ober, zahlte und verließ mit einem undeutbaren Lächeln sowie den Worten:

„Ich wünsche einen schönen Abend“, den Tisch.

Am nächsten Tag machte sie einen ausgiebigen Spaziergang am Strand entlang. Das Land der Friesen war für sie ein Fleckchen Erde voller Geheimnisse und verborgener Schönheiten. Norderney, eine Insel vom Meer geboren, deren erste Bewohner ausnahmslos Seeleute waren: Schiffer und Fischer. Trotzdem waren sie geschäftstüchtig genug, um den Nutzen ihres Eilandes für die Gesundheit zu erkennen und Norderney bereits 1799 als Seebad anzupreisen. Wie Cornelia aus der Inselchronik erfahren hatte, erlebte Norderney 1815 seine Blütezeit, in der die Insel als das vornehmste, vom Adel empfohlene Seebad galt.

Neben König Georg V. von Hannover, hatten sich kaum geringere Gäste als Bismarck, Fürst von Bülow, Heinrich Heine und Wilhelm Humboldt hier eingefunden.

Das Wasser war für Cornelia Ursprung allen Lebens. Sie fühlte sich von ihm angezogen. Es sprach in seiner eigenständigen Melodie zu ihr, erzählte von seinen Tiefen, seinen Geheimnissen. Der Rhythmus des Wellenschlages, die salzhaltige Luft, die sich in alle Poren grub, die ungewöhnlichen Farben der Gräser, die blendende Sonne, wenn man auf das Wasser hinausschaute, all das hatte für sie etwas himmlisch Göttliches. Der Wechsel der Gezeiten spielte sich hier für sie ganz anders ab als an der Ostsee, intensiver, nachhaltiger. Jede Welle, die auf sie zurollte, war wie ein Ankommen, wie eine Geburt. Jedes Zurückweichen wie Abschied, Mitnahme von Erinnerungen, verwischt wie Fußspuren im feuchten Sand. Aber war das Leben nicht auch wie Gezeiten, ein ewiges Auf und Ab, Kommen und Gehen?

Wie gern hätte sie mit Peter über ihre Empfindungen philosophiert, doch er tat derartige Äußerungen bedauerlicherweise meist als zu tiefsinnig ab. Für sie waren diese Dinge aber von enormer Wichtigkeit.

Auch für den kommenden Tag hatte sie einen längeren Fußmarsch eingeplant. Dieses Mal ging es in Richtung Baltrum. Sie liebte die Einsamkeit, die Weite. Jeder neue Hügel versetzte sie in Erstaunen und Entzücken zugleich. Silbriggrüne Sanddornbüsche wechselten mit der üppigen Pracht der weißen Dünenrosen, dem Gelb des Ginsters und der Nachtkerzen. Es war für sie ein wahres Wunder, wie sich in den Sanddünen soviel Pflanzenreichtum halten und ausbreiten konnte. Manchmal legte sie sich einfach zwischen die Dünen, nur um diesem eigenartigen Wispern der sich im Wind behauptenden Gräser zu lauschen oder ihre Träume in das Himmelbau fliegen zu lassen.

Hätte ihr das Schicksal die Gabe des Malens verliehen, sie wäre tagtäglich mit dem Zeichenblock oder der Staffelei unterwegs gewesen, um all die sich ihr auf der Insel bietenden Schönheiten der Natur festhalten zu können. So konnte sie lediglich versuchen, ein wenig davon in ihrem Inneren zu speichern oder ihrem Notizbuch anzuvertrauen.

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