Kapitel 02 Norderney

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Vor ihr auf dem Tisch lag ein Notizbuch, in das sie ihre bisherigen Eindrücke von der Insel niederzuschreiben versuchte. In dem Augenblick, als sie ihre Teetasse zum Mund führte, ging die Tür des Cafés auf: Ein ungewöhnlich langer Lulatsch in Jeans und weißem Rollkragenpulli betrat den Raum. Er schaute sich kurz um und steuerte dann geradewegs auf ihren Tisch zu, als seien sie verabredet. Aus seinen braunen Augen blitzte der Schalk, als er Cornelia ansprach:

„Sie gestatten, daß ich hier Platz nehme?“

Was er ohne Umschweife tat, ohne ihr distinguiertes „Bitte“ abzuwarten.

Er gehörte zu denen, die sich setzen, auch wenn sie erfahren, daß der Platz nicht frei ist. Vergeblich versuchte er, seine langen Beine unter dem Tisch unterzubringen und trat ihr dabei versehentlich auf den Fuß.

„Entschuldigen Sie bitte“, erklang seine angenehme, dunkle Stimme, „aber die Einrichtung hier ist eher für Zwerge und nicht für Riesen, also Leute meiner Größe gedacht.“

Er erwartete wohl eine Bestätigung ihrerseits, und so antwortete sie:

„Meinen Sie nicht, daß es immer erst der Vergleich ist, der Wolkenkratzer gigantisch, Riesen groß und Katzen oder Zwerge klein macht? Sie haben zwar eine beachtliche Körperlänge; ich nehme an, so zirka zwei Meter. Ein Riese sind Sie deshalb in meinen Augen aber nicht! Es gibt heutzutage sehr viele große Menschen, wobei ich das Körpermaß meine. Was die Stühle anbelangt, da muß ich Ihnen zustimmen: Sie sind nicht gerade bequem.“

Etwas leiser ergänzte sie:

„Die Dinger bereiten einem Kreuzschmerzen und passen auch sonst nicht recht zur Einrichtung. Vielleicht war es ein günstiger Kauf aus einem Adelstift“, spöttelte sie und konnte dabei ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Eine Leidensgenossin mit Humor!“ rief er beglückt. „Ich empfinde diese Stühle als pure Folterwerkzeuge!“

„Und trotzdem kommen Sie hierher Kaffee trinken?“

„Ja, der Kaffee – vor allem der Punsch – ist gut. Sollten Sie mal probieren“, wobei er ihr frech zublinzelte. „Außerdem gefällt mir dieser Platz besonders. Man kann mit Hilfe des Spiegels den ganzen Raum überblicken, das Meer sehen und trotzdem ungestört sein. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie diesen Tisch aus dem gleichen Grund gewählt haben. Aber ich möchte Sie nicht bei der Erstellung Ihres Liebesromans oder eventuell anderer Geheimnisse stören“, wobei er auf ihr aufgeschlagenes Notizbuch deutete.

„Wie kommen Sie darauf, daß ich einen Liebesroman schreibe?“

„Was sollten Frauen sonst schreiben! Für Sachbücher und technische Dinge haben die meisten Frauen keine Antenne: Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.“

„Das überrascht mich! Sie scheinen vom geistigen Niveau der Frauen nicht allzuviel zu halten.“

„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“

„Das wäre auch schwer möglich, weil ich mich nicht angesprochen fühle. Aber ganz nebenbei: auch Liebesromane müssen geschrieben werden. Sie sind sogar fester Bestanteil der klassischen Literatur – falls Ihnen das was sagt? Und gerade unter diesen Namen befinden sich immerhin so bekannte Literaten wie Leo N. Tolstoj mit seiner „Anna Karenina“ oder Alexandre Dumas mit „Lady Hamilton“, Theodor Fontane mit „Effi Briest“.

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