Kapitel 02 Norderney

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Sie war innerlich zerrissen, denn auf der anderen Seite wünschte sie sich den Kontakt zu ihren Mitmenschen. War sie früher auf andere offen zugegangen, so hielt sie heute Abstand, ließ keinen mehr an sich heran. Sie baute sofort einen Wall um sich, wenn jemand den Versuch machte, ihr privat näher zu kommen. Im gleichen Moment schloß sie sich wie eine Auster. Sie beobachtete und sezierte ihre Umgebung nach wie vor mit Röntgenaugen, war eine gute Zuhörerin, ohne etwas von sich selbst preiszugeben.

Sie ließ ihre Blicke kreisen. Ferien und Kurgäste tummelten sich auf der Seepromenade ebenso wie hier im Café. Alle schienen die Urlaubsstimmung zu genießen. Cornelia machte ihre eigenen Studien und stellte fast neidvoll fest, mit welcher Leichtigkeit, zumindest nach außen hin, einige der Badegäste das Urlaubsleben zu meistern verstanden. Das pfauenhafte Getue der männlichen Gäste zu beobachten, bereitete ihr dabei ein enormes Vergnügen.

Der Tisch, an dem sie Platz genommen hatte, stand direkt an der Spiegelwand. Ohne sich den Hals zu verrenken, konnte sie nahezu den ganzen Raum überblicken. Ab und zu schaute sie in den Spiegel, und was sie darin sah, gefiel ihr eigentlich recht gut. Ihrer Geburtsurkunde nach stand sie kurz vor Vollendung des dreiunddreißigsten Lebensjahres, was für eine Frau besagte, sich in der schönsten Blüte ihres Lebens zu befinden. Ihr Spiegelbild bestätigte ihr ein makellos reines Gesicht, ohne ein einziges Fältchen. Im Werbefernsehen hätte sie bei Produkten „Für die Frau ab Dreißig“ sicherlich den Vogel abgeschossen. Sie konnte sich mit ihrer Körperlänge von einem Meter siebzig und ihren sechzig Kilo auch sonst nicht über Figurprobleme beklagen. Kein Pölsterchen zuviel, alles am rechten Fleck. Die Kurzhaarfrisur stand ihr gut. Der Glanz ihres Haares wirkte wie frische Kastanien, und die Naturlocken ließen den etwas strengen Gesichtsausdruck weicher erscheinen. Die graublauen Augen blickten wach und fragend in die Welt. Die meisten ihrer Bekannten fanden Cornelia sehr attraktiv, man versicherte ihr eine feminine Ausstrahlung auf das männliche Geschlecht. Die bewundernden Blicke einzelner Herren hier im Café und am Strand schienen das zu bestätigen. Einer der Gäste vom Nebentisch hob sein Glas und trank ihr zu. Sie lächelte, aber dies Lächeln war kein einladendes Lächeln, eher das der Mona Lisa oder einer Sphinx.

Cornelia hielt einen Großteil der Männer für MachoTypen, verglich sie mit Motten, die das Licht umschwirrten, ein Abenteuer suchten. Und einer dieser Lichtstreifen, auf den sie zuflogen, schien, ohne ihr Zutun, sie zu sein. Aber sie würde diese Falter auf Abstand halten – ja, zu gegebener Zeit das Licht ausknipsen –, damit sie im Dunkeln umherirrten, sich stießen, auf die Erde fielen, sich weh taten und verletzten. Sie erschrak für einen Moment vor solch bösartigen Gedanken, doch sie ließen sich nicht vertreiben. Die ihr zugefügten Verletzungen schmerzten nach wie vor. Wunden waren zurückgeblieben, die nur sehr langsam heilten.

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