Kapitel 02 Norderney

Kapitelübersicht

Cornelia trat ans Fenster ihres Zimmers. Der Mond – voll und rund hing er da am Himmel und schaute mit seinem Gesicht auf die Erde nieder. Sie blickte über die silbrig glänzende Wasserfläche und fühlte sich unsagbar traurig. Sie versuchte die Gedanken abzuschalten, legte sich zu Bett und redete sich ein: Du mußt schlafen, schlafen. Aber der ersehnte Schlummer kam nicht. Unglaublich, wie sich eine Nacht dehnen kann! Sie begann Schäfchen zu zählen, lag ganz still und ... ließ sich von den Bildern einfangen, die ihr die Vergangenheit vorzauberten, klar und deutlich, so daß sie über ihr bisheriges Leben Bilanz zu ziehen begann. Irgendwann mußte sie dann wohl eingeschlafen sein. Wann? Wahrscheinlich sehr spät, oder sehr früh, denn sie spürte die Müdigkeit in allen Gliedern und fühlte sich zerschlagen, als sie endlich erwachte.

Die Sonne strahlte vom tiefblauen Himmel: das richtige Wetter, die Insel zu erkunden. Das ging am besten zu Fuß. Cornelia wanderte durch die Dünen, bergauf, bergab, dem Wasser zu. Es herrschte Ebbe. Möwen saßen auf den weit hinausreichenden Molen. Die Sicht war gut, und sie konnte in der Ferne einige große Dampfer ihre Wege ziehen sehen. Das Fernweh packte sie wieder einmal, und sie hörte sich sagen:

„Es müßte schön sein, auf einem dieser Potte über die Meere zu fahren.“

Auch am nächsten Tag lag der Strand in seiner Unberührtheit vor ihr. Juni – die Saison hatte gerade erst begonnen. Die Tage waren noch ziemlich kühl. Barfuß zu laufen empfand sie als äußerst unangenehm. Sie wählte ein paar leichte Turnschuhe. Tausende von Muschelschalen lagen im feinen weißen Sand, und es knirschte unter ihren Füssen wie zartes chinesisches Porzellan, wenn sie darauf trat. Die Spaziergänger in ihren Friesennerzen grüßten mit einem leicht zurückhaltenden „Hö“. Der Wind blies von Nord und trieb den Sand vor ihr her. In der Sonne sah dies aus, als würden riesige Heerscharen von Sandkörnern über den seichten Boden eilen, mal in diese, mal in jene Richtung. Sie formierten sich wie Soldaten, um sich dann in verschiedene Truppenteile aufzulösen. Zwischen den Dünen fand sie schließlich eine geschützte Stelle, um sich ein wenig hinzusetzen. Den blauen Himmel über sich, das stetig rauschende Wasser, die unbestimmt lockende Ferne, die wundervolle Natur vor sich. Eine Stunde zum Träumen, was wollte sie mehr?

Nach zwei weiteren sonnigen Tagen in der gewählten Abgeschiedenheit, ließ sie sich bei einem Spaziergang vom Wind in Richtung Uferpromenade treiben. Es zog sie urplötzlich unter Menschen. Kurzentschlossen betrat sie eines der gediegen eingerichteten Cafés. Eine Spiegelwand auf der einen Seite, die den Raum enorm vergrößerte, während die andere Seite den Blick auf die sich ewig in Bewegung befindliche See freigab. Dazwischen standen kleine runde Tische, mit gepolsterten, aber ziemlich schmalen Stühlen, die keineswegs zu einer längeren Verweildauer animierten.

Sie wollte weder Wurzeln schlagen noch Bekanntschaften knüpfen, dem ging sie eher bewußt aus dem Weg. Auch im Hotel verhielt sie sich sehr reserviert. Engere Freund oder Bekanntschaften verlangten ihrer Meinung nach ein gewisses Vertrauen, und gerade das fiel ihr schwer, jemanden zu schenken. Sie hatte zu lange während ihrer DDRZeit zwei Gesichter tragen müssen, so daß sie weiterhin nach dem Grundsatz lebte: Vertraue außer dir selbst niemandem, dann bist du gut beraten, und Enttäuschungen bleiben gering.

47981