Kapitel 02 Norderney

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Er vollendete den Satz nicht, sondern sprach weiter. „Nach meiner Pensionierung bin ich einfach zur Notrufstelle gegangen. Wenn man ein Leben lang draußen war, dann taugt es nichts, in der Stube zu hocken und der Frau dauernd in den Kochtopf zu gucken. Das ist für beide man arg lästig.“ Nach der zweiten Zigarre erklärte er ihr die Bedienung des Seenotfunkgerätes, das 1968 noch wie ein Rundfunkempfänger aussah. Auf diesem erstreckten sich die Wellenlängen für den Funk bzw. Sprechverkehr mit den einzelnen Schiffen. Da sprach zum Beispiel ein Schiffsoffizier mit seinem Reeder, ein Bordfunker mit seiner Frau. Auf einer der anderen Wellen wurden Blumen für ein Geburtstagskind in der Heimat bestellt und so weiter ... „Diese Station gehört mit Langeoog und Borkum zum Bereich Norddeich, der wiederum zu Bremen“, versicherte er ihr. „Und nu schreiben Sie man was ganz Wichtiges auf, die Zeichen: Pan, Pan, Pan, das heißt Dringlichkeit. Medi, medi, medi ist gleich SOS, also höchste Gefahrenstufe. Der Seenotrettungsdienst zum Beispiel muß ja bei jedem Wind und Wetter hinaus. Das ist für die Männer oft sehr gefährlich, vor allem bei hohem Wellengang. Da heißt es besonders darauf zu achten, nicht auf eine Sandbank aufzulaufen.“ Cornelia lernte in den zweieinhalb Stunden ihres Besuches von dem ollen Seebär ungeheuer viel über die Schiffahrt, mehr als aus den schlauen Büchern mit ihren technischen Ausdrücken, in denen sie geblättert hatte. Sie merkte, er war so richtig in seinem Element und freute sich, in ihr eine so aufmerksame und interessierte Zuhörerin gefunden zu haben, deren Fragen kein Ende nehmen wollten. Wann kam schon mal ein einzelner Gast zu ihm? Am Schluß des Gespräches dankte sie Herrn Windhoff – so hieß er – für seine Bereitschaft, ihr alles so gut und verständlich erklärt zu haben. Zum Abschied meinte er: „Sie können gern wiederkommen, wenn Sie weitere Fragen haben. Dieser Nachmittag mit Ihnen war ein wirkliches Vergnügen für mich“, wobei er ihr kräftig die Hand schüttelte. Sie wußte seine Bemerkung als großes Kompliment zu schätzen, denn die meisten Insulaner waren sehr wortkarge Menschen. Als sie dann die Insel verließ, hatte sie wieder ein wenig zu sich selbst gefunden, auch wenn sie wußte, daß es nicht allein ihr Verdienst war. Sie begriff, sie mußte Peter akzeptieren wie er war oder sich von ihm trennen. Einen anderen Weg würde es nicht geben. Denn einen Partner ändern können, das ist der Irrglaube Verliebter. Ändern konnte sie nur sich selbst. Sie reiste mit einem Schatz, einem Notizbuch voller Erinnerungen und schöner Eindrücke zurück. Ganz bestimmt würde sie diese Aufzeichnungen, neben vielen anderen, eines Tages hervorholen, darin blättern und alles bildlich wieder vor sich sehen. Eine weitere Erkenntnis nahm sie mit: Sie würde beginnen, ein Buch zu schreiben, ihr Buch, über ihr Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Vielleicht gelang es ihr, mit dieser Aufarbeitung ihr Leben wieder besser in den Griff zu bekommen.

Als der Zug in Saarbrücken einfuhr, sah Cornelia Peter wartend auf dem Bahnsteig stehen. Er winkte, als er sie unter den Aussteigenden erblickte, kam ihr schnellen Schrittes entgegen und schloß sie in seine Arme. Als sie zu ihm aufschaute, las sie Freude und Zärtlichkeit in seinen Augen. Etwas, was ihr Mut für die Zukunft gab.

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