Kapitel 02 Norderney

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Die zweite Junihälfte präsentierte sich allerdings mit einem grauen, verhangenem Himmel. Es war, als sei mit Frank Mayers Abreise auch die Schönwetterperiode zu Ende gegangen. Sie mußte einige Ausflugspläne ändern. Ohne feste Wetterkleidung ging nichts mehr. Trotz der sich immer dichter zusammenziehenden Wolken machte sie sich auf den Weg zur Georgshöhe. Der Wind peitschte derart, daß sie mehrmals in einer der schilfgedeckten Schutzhütten in Nähe der Dünen Halt machte, um zu Atem zu kommen. Hasenspuren waren zu erkennen, Erdlöcher, in denen sie Unterschlupf nahmen. Feiner weißer Sand setzte sich auf Cornelias Schuhe und Hosen. Sie mußte die Brille abnehmen. Auch auf dieser begann sich ein Sandfilm zu bilden. Noch sah sie ihre eigenen Spuren im Sand, aber nicht lange, da würden auch sie verweht sein. Sie wandte sich schließlich von der Seeseite weg dem Landinneren zu und suchte in den Straßen Schutz vor dem Wind, der sie unentwegt vorwärts trieb. Endlich erreichte sie die Uferpromenade. Die zwölfstöckigen Hotels oder Häuser mit Eigentumswohnungen störten für ihre Begriffe das gesamte Bild dieser eigenen Landschaft. Die Betonklötze paßten einfach nicht hierher. Aber in welchen Ferienburgen wurden solche Fehler nicht begangen? Nur noch wenige Schritte, und Cornelia würde die Georgshöhe und damit die Wetterwarte und Seenotfunkstelle erreichen. Frank hatte darauf hingewiesen, daß dort ein alter Seebär seinen Dienst verrichte, der sehr wortkarg sei. In weiser Voraussicht kaufte sie deshalb eine Schachtel Zigarren und Zigaretten. Vielleicht konnte sie ihn damit gesprächiger stimmen. Ihr Wissensdurst war groß, viele Fragen brannten ihr auf der Zunge. Sie klopfte mehrmals, aber nichts regte sich. Mutig drückte sie die Klinke herunter und trat ein. Ein Mann mit grauem Bart und durchdringendem Blick drehte sich in ihre Richtung, deutete auf einen Stuhl, während er ein Sprechfunkgerät bediente. In kurzen Worten brachte sie ihr Anliegen vor. Sie machte es sich bequem, holte Notizbuch und Bleistift hervor und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Der Mann rutschte verlegen auf seinem Stuhl hin und her und versuchte, Cornelia irgendwie einzuordnen – wahrscheinlich als Reporterin. Denn seine erste Frage lautete: „Sind Sie etwa von der Bildzeitung?“ Sie verneinte und erklärte, daß sie aus rein privatem Interesse und weiblicher Neugier hier sei, was er ihr aber nicht so recht abzunehmen schien. Erst nach und nach taute er auf. Ihr Mitbringsel tat letztendlich das seine. Er zündete sich genußvoll eine der Zigarren an, blies ein paar blaue Ringe in die Luft und begann dann halb platt, halb hochdeutsch zu sprechen: „Min Vadder war Fischer, und so ergab es sich von selbst, daß auch ich diesen Beruf ergriff. Durch einen tragischen Unfall bei einem Wendemanöver mit dem Boot“ – eine Geschichte, die er ihr ausführlich schilderte – „war’s dann aus mit der Fischerei. Wat nun? Allzuville Möglichkeiten gibt’s hier nich. Also wurde ich Aufseher im Vogelschutzgebiet, und das bis zu meiner Pensionierung“, erklärte er stolz. „Waren Sie schon mal im Vogelschutzgebiet?“ „Nein! Einer allgemeinen Führung wollte ich mich nicht anschließen und einen Kenner der Gegend, der mir alles erklären könnte, habe ich leider nicht gefunden.“ „Schade, min Dirn. Wenn ich Zit hätte ...“.

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