Kapitel 02 Norderney

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Nachdem sie ihren Koffer ausgepackt hatte, lief sie die Dünen hinunter zum Strand. Der Sommer­wind zerrte ordentlich an ihren Haaren, so daß sie das um den Hals geschlungene Tuch fester binden mußte.

Cornelia liebte das Meer, auch wenn es an ihrem Ankunftstag mit hohen Wellen an Land stieß. Die weiße Gicht ergoß sich am Strand und brachte unzählige kleine Muscheln und Meerestiere mit sich. Sie bückte sich hin und wieder nach einer der Muscheln, fand sogar einen Seestern und betrachtete dies als gutes Omen.

Sie hätte noch lange dem ewigen Spiel der Wellen zusehen und dem Geschrei der Möwen zuhören mögen. Zwei Reiterinnen kamen auf ihren Pferden am Strand entlang und setzten zum Galopp an. Die Hufe der Pferde gruben sich in den feuchten Sandboden. Die Mähnen der Tiere flatterten wie Fahnen im Wind, bis sie im Nebelschwaden verschwanden, was sie plötzlich an Storms Novelle „Der Schim­melreiter“ erinnerte. Der Wunsch, auf dem Rücken eines dieser herrlichen Geschöpfe durch den Abend einem unbekannten Ziel entgegengaloppieren zu können, wurde übermächtig. Ein paar Möwen begannen über ihr ihre Kreise zu ziehen. Sie hielten Ausschau nach Futter, während sie weiterging und schließlich müde in ihr Hotel zurückkehrte.

Am Abendessen nippte sie nur. Alsbald zog sie sich auf ihr Zimmer zurück. Sie fühlte sich ruhelos. Sehnsucht nach Peter, ihrem Mann, überkam sie. Sollte sie ihn anrufen und Gute Nacht sagen? Als sie ihm telefonisch mitgeteilt hatte, daß sie gut angekommen sei, hatte er lediglich geantwortet:

„Das freut mich. Erhol dich gut.“

Gefolgt von dem gewöhnlichen Lamento über ihre Abwesenheit, das sie von ihren Dienstreisen her kannte. Sie war unentschlossen und setzte sich auf das schmale, leere Bett, das sie anstarrte. Schließlich griff sie doch zum Hörer. Sie wählte, legte aber bei der letzten Ziffer wieder auf. Was sollte sie Peter sagen, was ihn fragen? In ihr rumorten Unzufriedenheit und Angst. Unbegreiflich, vielleicht sogar unbegründet, aber sie waren wieder einmal da, fest in ihr verwurzelt. Die Angst nagte an ihrem Selbstbewußtsein. Sie hatte in der Partnerschaft immer vollkommene Offenheit und Hingabe gesucht, aber ihr wacher Verstand war seit dem Scheitern von zwei Beziehungen voller Mißtrauen, Mißtrauen allen Männern gegenüber. Sie fühlte sich in ihrer hingebungsvollen Liebe wehrlos. Das aber wollte sie nicht mehr sein. Liebe schlug zu viele und zu tiefe Wunden.

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