Kapitel 01 Buchvorstellung

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Rückblickend sah sie sich im Wohnzimmer der Eltern vor dem Kachelofen knien, die schmiedeeiserne Tür öffnen, ein Buch nach dem anderen in diesen nimmersatten Schlund stecken. Voller Verzweiflung und mit Tränen in den Augen mußte sie zusehen, wie die Zungen der Flammen gierig all ihre Ge-danken und Gefühle verschlangen, wie sich das Papier unter Schmerzen zu kräuseln schien, um nur noch als Häufchen Asche übrigzubleiben. Ein Gefühl der Trauer, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit überwältigte sie, denn hier verbrannte nicht nur ein Stück ihrer Lebenszeit, nein, etwas von ihr selbst! Als das letzte ihrer Bücher den feurigen Weg nahm, schwor sie sich, alles gut im Gedächtnis zu speichern, um es eines Tages wieder ans Licht und zu Papier zu bringen.

Der Anfang im Westen fiel ihr schwer. Nur der unbändige Überlebenswille half, die erste Zeit zu überstehen. Bereits 1958, kaum daß sie im Saarland, ihrer neuen Heimat, Fuß gefaßt hatte, versuchte sie, ihr Gedächtnis zu mobilisieren, in ungewohnter Freiheit das Erlebte möglichst detailliert wieder aufzuschreiben. Erkenntnisse und Erinnerungen, die sie vor ihrer Flucht hatte vernichten müssen; Bilder, von denen sie einfach nicht loskam, die sie immer und immer wieder verfolgten, sie nicht schlafen ließen.

Sie schrieb des Nachts, im Bett, denn ihr Beruf – sie arbeitete als Sekretärin – nahm sie voll in Anspruch. An die Verwertung ihrer Aufzeichnungen in der Form eines Romans dachte sie zu diesem Zeitpunkt eher schemenhaft. Und so gehörten diese Niederschriften vorerst nur ihr, ihr allein. Sie wußte, zu irgendeinem Zeitpunkt würde sie ihre und vor allem die Lebensgeschichte ihrer Großmutter und Mutter als Buch einem Verlag zur Veröffentlichung anbieten. Sie mußte sichergehen, nicht wie ihr Vater zu scheitern, der die Lebensgeschichte ihrer Großmutter in den dreißiger Jahren bereits einigen Verlagen angeboten hatte, aber keinen Interessenten fand. Sie war eine Verpflichtung eingegangen und würde das ihrer Großmutter 1945 gegebene Versprechen, einmal für die Veröffentlichung ihrer Lebenstragödie zu sorgen, irgendwann ganz sicher einlösen. Ein unkalkulierbares Wagnis bisher, für das es sich aber lohnte zu kämpfen und zu siegen.

Um den richtigen Weg einschlagen zu können, fehlten ihr damals die nötigen Verbindungen, vor allem auch Erfahrungen mit der Buchbranche. So sollten Jahre vergehen, bis sie konkret an dieses Projekt denken und es umsetzen konnte.

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