Kapitel 01 Buchvorstellung

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Im Saal des Ludwig-Theaters wurden die Lichter gedimmt. Stille trat ein. Den Auftakt der Veranstaltung bildete ein Menuett von Mozart. Vorgetragen von einer Klaviervirtuosin und zwei preisgekrönten japanischen Geigerinnen. Kraftvoll und doch graziös glitten die schmalen Finger der Virtuosin über die Tastatur des Flügels, fanden Ergänzung im gefühlvollen Führen des Geigenbogens der beiden jungen Frauen, die sich mit geschlossenen Augen ganz dem Spiel hingaben und ihren Instrumenten mit hohem Können alle Töne entlockten. Das Publikum schien sich bereitwillig in diese musikalische Welt entführen zu lassen.

Nach kurzer Pause folgten im Anschluß die Worte der Laudatorinnen und Laudatoren zu Ehren der Schriftstellerin, und die offizielle Vorstellung des neuen Buches nahm ihren Lauf.

Ein weiteres Musikstück, diesmal komponiert von Haydn, wurde vorgetragen.

Erst danach trat Cornelia Schorn in das Licht der Scheinwerfer. Sie schritt bedächtig auf der Woge des Applauses bis zur Mitte der Bühne, verneigte sich vor den anwesenden Gästen und nahm dann an einem Tisch Platz, der mit Herbstblumen sowie einem Kerzenständer dekoriert war. Ihre Blicke wanderten für Sekunden nach unten. Sie nahm einen gut besetzten Saal wahr, was große Freude in ihr auslöste, denn diese Fülle hatte es nicht immer gegeben. Vor allem nicht in den Anfängen ihrer schriftstellerischen Laufbahn. Sie spürte, dieser Abend würde zu einem der besonderen werden. Unzählige Augenpaare waren auf sie gerichtet, als die Lichter im Saal verlöschten. Mit einer kurzen Einführung versuchte sie gekonnt das Band zwischen sich und dem Publikum zu weben. Erst dann schlug sie die mit einem schmalen Streifen markierte Seite ihres neuen Romans auf. Die ersten gelesenen Worte – ihre Stimme vibrierte noch leicht, bis sie sich voll entfaltete. Ab und zu blickte sie auf, um festzustellen, inwieweit sich die Zuhörerschar bereits im Bann des Geschehens befand. Dann wieder unterstrich Cornelia einzelne Sätze durch Gestik und Mimik. Sätze, die ihr besonders wichtig erschienen, die ihren Romanfiguren Leben einhauchten. Sie waren Menschen ähnlich, die mit Freude, mit Mühe, nicht ohne Hoffnung in die Zukunft blicken, Träume beerdigen, andere mit sich herumtragen, die Schwächen wie Neid und Boshaftigkeit in sich vereinen. Zum Schluß klappte Cornelia das Buch zu und legte wie so oft schützend ihre Hände darüber. Eine Geste nur, die aber für sie bedeutungsvoll war. Unter ihren Händen lag schließlich eines ihrer Kinder, das nun in die Welt hinausging, laufen lernen und Freunde finden sollte.

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