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Dresden mon amour

Freiburger Echo Verlag
ISBN 3-86028-836-9
3. Auflage
471 Seiten, Kt, Eur 28,00


Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, vor fünfzig Jahren, ist das barocke Dresden in Schutt und Asche gesunken. Eigenes schmerzvolles Erleben hat die Autorin bewogen, das Sterben dieser Metropole der Weltkultur in naturalistischer Treue nachzuzeichnen: ein erschütterndes Zeitdokument von bleibendem Wert. Das dramatische Schicksal des Elternhauses in schwerer Zeit und Gabrielas Werdegang beschreibt die Autorin in einfühlsamer und einprägsamer Weise. Es sind persönliche Erinnerungen an ihre Heimatstadt der Jahre 1933 bis 1957. Elend und Schrecken der Nachkriegszeit übersteht Gabriela mit den Eltern und der blinden Großmutter in der sowjetischen Besatzungszone. Dann aber durchbricht ein gleißender Sonnenstrahl den grauen Alltag: Gabriela, klug und selbstbewußt geworden, weiß sich zu behaupten und erlebt beglückt berufliche Erfolge und ihre erste große Liebe.

Der zweite Teil des Romans lebt von dieser Liebe, ihren Höhen und Tiefen, Hoffnungen, Sehnsüchten und Enttäuschungen vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung im gespaltenen Deutschland bis zum dramatischen Schluß.

Leseprobe aus "Dresden mon amour"

Eine Weltstadt stirbt. 13. Februar 1945 – Fastnachtsdienstag

„Die Uhr zeigt 8 Uhr 30, als Gaby und die Mutter das Haus verlassen. Im fahlen Licht der Morgendämmerung erkennen sie Pferdegespanne und Lastwagen auf der Grunaer Straße mit darüber gespannten Zeltplanen zum Schutz gegen Regen und Wind. Frauen, in dicke Mäntel und Kopftücher eingewickelt, schauen ihnen regungslos entgegen. Andere sitzen zusammengekauert auf ihrem Handwagen, mit ihren letzten Habseligkeiten, eng zusammengedrängt. Die Nacht haben diese Leute im Freien verbracht, wohl hoffend, auf dem Weg ins Ungewisse ein paar Stunden Ruhe zu finden."

Ecke Prager Straße, hier sieht es noch schlimmer aus.

„Karawanen von Fuhrwerken, halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Bürgersteig, versperren die Sicht. Sie verhindern ein schnelles Weitergehen. Je näher sie dem Hauptbahnhof kommen, um so beklemmender wird das Bild. Der Bahnhofsvorplatz ist überfüllt von einer wogenden Menschenmasse. Ebenso die Seitenstraßen. Neu ankommende Trecks und Lastwagen versuchen, irgendwo ein Plätzchen zu finden. Fuhrwerke sind zu sehen, bei deren Anblick man nicht recht weiß, wer zuerst zusammenbricht, der Wagen oder der davorgespannte, abgemagerte Gaul. Kinder laufen weinend umher, suchen nach ihren im Gewühl verlorengegangenen Müttern. Frauen rufen verzweifelt die Namen ihrer Sprößlinge. In der Bahnhofshalle, unter den Unterführungen, auf den Bahnsteigen, überall nur Leiber, in Decken gehüllte dunkle, verzweifelte Gestalten. In zugigen Hallen sitzen sie müde, verstaubt und zitternd vor Kälte, unbarmherzig Wind und Wetter ausgesetzt.

Ein Zug, halb Personen- halb Güterwagen, rollt mit Verwundeten herein. Männer auf Krücken werden von Rotkreuzschwestern gestützt. Mit zum Teil stark durchgebluteten Kopf- und Armverbänden kommen sie ihnen entgegen. Andere werden auf Tragbahren hinausgeschafft.

Gaby würde am liebsten die Augen schließen. Sie wünschte, daß alles nur eine Faschingsmaskerade wäre. Aber sie befinden sich im sechsten Kriegsjahr. Das Bild bleibt, ist nicht wegzuwischende Wirklichkeit.

22 Uhr. Gaby ist gerade eingeschlafen, als das Heulen der Sirenen sie rücksichtslos aus dem Schlaf reißt. Vollalarm, keine Zeit, sich richtig anzuziehen.

Von Ferne kündigt sich durch ein Brausen und gewaltiges Brummen bereits das Herannahen feindlicher Bombergeschwader an. Opa führt Oma bereits die Treppen hinunter. Die Eltern und Gaby sind direkt hinter ihnen. Als sie den Luftschutzkeller erreichen, sind die ersten Bombeneinschläge dumpf zu hören. Das Licht der Glühbirne beginnt zu flackern. Es kracht. Die Mauern beben. Kalk rieselt von den Wänden. Über den Häusern schwere Bomber der britischen Luftwaffe. In gnadenloser Folge klinken sie hunderttausende Stab, Brand, Phosphor- und Sprengbomben über der wehrlosen Stadt aus.

Ein Pfeifen, ein erneuter Einschlag. Entsetzliche Angst bemächtigt sich aller. Das Dröhnen der Maschinen läßt nicht nach. Sie müssen wirklich sehr tief fliegen. Kein Wunder, sie haben ja auch keine Abwehr zu befürchten. Einer der Bewohner zählt laut: „einundzwanzig, zweiundzwanzig..." wieder ein Einschlag. Noch mehr Kalk rieselt herab.

Großvater sitzt auf einen Schemel an die Wand des Sani-Raumes gelehnt, die Gasmaske am Handgelenk. Um Oma hat er schützend die Arme gelegt, während Gaby mit den Eltern an der linken Wand, neben dem Eingang sitzt. Ursprünglich wollte sie wie immer bei Großvater sein. Der hat sie unverständlicherweise weggedrängt. Er meinte, es sei besser, wenn sie heute bei ihrer Mutti sitzen würde. Das hat er noch nie gesagt.

Wieder kracht es. Dann folgen die Einschläge in dichter Reihenfolge, nur viel stärker als die vorhergehenden. Ein schrecklicher Knall. Hat es ihr Wohnhaus getroffen? Ein erneutes Dröhnen, ein Pfeifen, ein Zischen und man spürt fast körperlich, jetzt muß der Einschlag kommen.

Jemand schreit: „Hinlegen, runter auf den Boden!" keine Sekunde zu früh. Im gleichen Moment wird das Gebäude von einer gewaltigen Detonation erschüttert. Gaby glaubt, die Ohren müssen platzen. Ein vielstimmiger Schrei durchhallt den Raum. Unaufhörlich prasseln Steine hernieder. In geduckter Haltung, den Mantel halb darüber gezogen, versucht Gaby mit den Händen ihren Kopf zu schützen. Aber die Last auf und über ihr wird zunehmend schwerer. Total eingekeilt, kann sie sich nicht mehr bewegen. Ist sie jetzt lebendig begraben? Sie möchte schreien, aber kein Ton entringt sich ihrer Kehle. Sie meint, ersticken zu müssen. Ihr Blut pocht in den Ohren, und in ihr ist nichts als Angst, entsetzliche Angst. In Mund und Nase Kalk, überall knirschender Kalk. Dann diese schreckliche Dunkelheit, die sie umgibt."

Es sind nur wenige, die nicht von den Steinen erschlagen wurden oder denen nicht die Lungen geplatzt sind durch den ungeheuren Luftdruck. Sie gehören zu den wenigen, die zum Ausgang finden. Und hier gibt es nur drei Möglichkeiten, für die sie sich innerhalb von Sekunden entscheiden müssen:

„Im Rauch, der immer stärker wird, zu ersticken, in den Flammen zu verbrennen oder aber zu laufen, immer in der Hoffnung, diesen Wettlauf zu gewinnen. Sie wählen die letzte Möglichkeit, trotz des Anblicks von Frauen, die schreiend als brennende Fackeln durch die Straße laufen, zusammenbrechen."

Ihr Ziel heißt „Der Große Garten" und weiter nach Gruna. Zeitzünder explodieren, sie müssen sich hinwerfen.

„Da spürt sie etwas Weiches unter sich, einen menschlichen Körper, eine Frau, tot. Einige Meter weiter sitzt ein kleines Kind, vielleicht vier Jahre alt, weinend neben seiner toten Mutter. Es klammert sich an deren Hand und ruft immerfort „Mama, Mama". Ein Verwundeter nimmt es schließlich auf den Arm und trägt es mit sich fort. Von Angst getrieben hasten sie weiter.

Aus dem angrenzenden Zoo trägt der Wind markerschütternde Laute zu ihnen, die Tiere in brennenden Käfigen ausstoßen. Der Aufschrei der geschundenen Kreatur, das Brüllen gefangener, verwundeter Tiere, das Trompeten der Elefanten in ihren brennenden Gehegen.

1Uhr fünf erreichen sie Gruna. 1 Uhr 15. Der zweite Angriff. Und wieder hält der Sensenmann reichlich Ernte. Gaby sträubt sich heftig, mit in den Keller zu gehen. Gaby befällt ein nicht länger zu unterdrückendes Zittern. Je mehr sie versucht, dagegen anzukämpfen, um so schlimmer wird es. Ihre Zähne schlagen aufeinander als hätte sie Schüttelfrost. Jetzt sind sie fast über ihnen. Immer neue Bomberverbände kommen. Das Dröhnen hört nicht auf. Gaby bekommt Raumangst, will davonstürzen, schreit immer wieder: „Bitte, bitte laßt mich raus! Ich will raus! Ich will nicht im Keller sterben." Nach und nach geht Gabys Schreien in leises Wimmern über".