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Eine Frau will nach oben

Freiburger Echo Verlag
ISBN 3-86028-840-7
214 Seiten, Kt, EUR 15,80


Aus einfachen Verhältnissen stammend, gelingt es der wissensdurstigen und strebsamen Anna in einer von Männern beherrschten Welt am Ende der Kaiserzeit, in die schillernde Welt der "oberen Zehntausend" vorzudringen. Als sich ihr beste Zukunftsperspektiven eröffnen, verliebt sie sich in einen Frauenhelden, der ihr das große Glück vorgaukelt. Sein Meineid läßt sie zur Ausgestoßenen werden. Auch als Advokat Forkert ihr zu ihrem Recht verhilft und Anna rehabilitiert ist, bleibt ein bescheidenes Glück nur von kurzer Dauer.

 

 

 

Leseprobe aus "Eine Frau will nach oben"

Anna erinnert sich. Eine Frauengestalt von mittlerer Größe und schlankem Wuchs stand unbeweglich wenige Schritte entfernt von dem einfachen Sarg aus Fichtenholz. Ihr Gesicht hielt sie unter einem hauchdünnen Schleier verborgen, welches Trauer, mehr noch eine große Würde, vollkommene Beherrschung und Selbstdisziplin widerspiegelte. Sie ließ den Eindruck entstehen, als müsse sie zwischen sich und dem Geschehenen, ebenso wie zu der anwesenden jungen Frau, eine gewisse Distanz schaffen. Dadurch wirkte sie eher wie eine Zuschauerin als eine Betroffene der Szenerie.

Mit dem Rücken zur Tür gewandt, bewegte sie sich jetzt langsam zwei Schritte auf den Sarg zu. Sie drehte sich ein wenig nach rechts, senkte den Kopf und verharrte einen kurzen Moment in dieser Stellung. Ihr Blick war auf die vor dem Sarg kniende junge Frau gerichtet, die sich vollkommen ihrem Schmerz hingab, Raum und Zeit vergessend.

Anna Forkert, die Mutter des Toten, wandte sich den bereitstehenden Sargträgern zu und gab ihnen durch einen Wink zu verstehen, daß sie ihres Amtes walten sollten.

Es war keiner der üblichen Trauerzüge, denen ein Pfarrer mit dem Gebetbuch in der Hand voranschritt. Kein Geistlicher hatte sich erbarmt, die Aufgabe zu übernehmen, für den Verstorbenen zu beten, seine sterblichen Überreste zu segnen und der Erde zu übergeben. Niemand hatte sich eingefunden, den Hinterbliebenen in ihrem Schmerz beizustehen und mit freundlichen, wenn auch meist unverbindlichen Worten Trost zu spenden. Keine Orgel hatte gespielt. Keine Glocke meldete den Heimgang dieser gequälten Seele, einer Seele, die der Unzulänglichkeit der Menschen zum Opfer gefallen war; nur die Träger und die beiden Frauen gaben dem Toten das letzte Geleit.

Anna betete ein Vaterunser, nahm die kleine Schaufel und stieß damit fest in die gefrorene Erde. Für einen Moment hatte sie das Empfinden, als führe nicht sie, sondern jemand anderes ihre Hand. Ein Schauer durchrann ihre Glieder, als die Erdklumpen hart auf dem Sarg aufschlugen. Es hörte sich wie ein Echo an, wie ein dumpfer Schrei aus längst vergangener Zeit, der immer noch in ihren Ohren gellte, alles übertönend, als sei er gerade erst ausgestoßen worden. Sie war sich auf einmal gewiß , ja ganz sicher, die Vergangenheit hatte sie eingeholt, würde auch ihr nicht mehr allzuviel Zeit lassen.

Der Fluch hatte damit erneut seine Erfüllung gefunden. Am Ende war nicht sie, Anna, sondern wieder „ER“ als Gewinner hervorgegangen.