zur Übersicht

Ein Meisterschuß

Freiburger Echo Verlag
ISBN 3-86028-852-0
196 Seiten, Kt, EUR 14,80


Alfredo Santini, der große Tenor, ist tot, wie die Zigeunerin geweissagt hatte. Völlig mittellos steht Elsa, die junge Witwe, mit ihrer kleinen Tochter Herta da. "Dir Glück zu verheißen, wäre eine Lüge. Du wirst alle Kraft brauchen, um dein Schicksal zu meistern, glaube mir!" hatte damals die Zigeunerin zu ihr gesagt. Sie hatte auch damit recht, aber was für Schicksalsschläge Elsa noch bevorstanden, konnte sie nicht ahnen.

Brigitte Sattelberger, 1933 in Dresden geboren, erlebte die Zerstörung der Stadt in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945, mußte 1957 aus Dresden in den Westen flüchten und lebt seitdem in Saarbrücken. "Jeder Roman ist mehr oder weniger autobiographisch", meint Marcel Reich-Ranicki. Das trifft besonders für Brigitte Sattelberger zu, die durch ihre Romane "Dresden - mon amour", "Das geschenkte Jahr" und "Eine Frau will nach oben" bekannt wurde. Sie wurde zu vielen Lesungen eingeladen und wirkte an Radio- und Fernsehsendungen mit.

 

Leseprobe aus "Ein Meisterschuß"

Der große Santini ist tot. Elsa, die junge Witwe, ohne Beruf und Mutter von zwei kleinen Kindern, muß sich eine Stellung im Haushalt suchen, um für sich und die Kinder den Unterhalt zu verdienen. Nachdem ihr erster Dienstherr in eine andere Stadt gezogen ist, nimmt sie die Stelle einer Wirtschafterin bei einem Geschäftsmann an. Dieser verliebt sich in sie. Da er selbst nichts von Treue hält und wie ein Falter von einer Blume zur anderen wechselt, will sie ihn verlassen. Er, sehr eifersüchtig unterstellt ihr die Liebschaft mit einem anderen Mann.

„Es war, als hätten sich an diesem Tag alle Mächte der Unterwelt gegen Elsa verschworen. Sie konnte klingeln, so lange sie wollte, bei ihrer Freundin Hilde öffnete niemand. Voller Unruhe ging sie nach Hause. Sie schleppte die Zinkbadewanne aus der Abstellkammer in die Küche. Dann setzte sie wie üblich Badewasser auf und füllte die Wanne mit heißem Wasser, um wie jedes Wochenende zuerst ihre Tochter zu baden. Sie war gerade damit beschäftigt, das Kind einzuseifen, als sie hörte, wie die Wohnungstür geräuschvoll geöffnet wurde. Schritte gingen an der Küchentür vorbei in Richtung Schlafzimmer, verklangen und kehrten wenig später zurück. Die Tür wurde aufgerissen und Johannes torkelte über die Schwelle, starrte sie mit blutunterlaufenen Augen an. Eine Alkoholfahne schlug ihr entgegen. Sein Atem ging schwer. Er kam auf sie zu, griff grob nach ihrem Arm, zerrte sie von der Wanne und aus Hertas Gesichtsfeld weg.

„Laß mich los, du tust mir weh, Johannes! Außerdem bist du total betrunken. Schlaf erst einmal deinen Rausch aus!"

Zum Schlafen werden wir zwei lange genug Zeit haben, meine Liebe, mehr als dir lieb sein dürfte", lallte er. Er lockerte seinen Griff etwas und stieß sie in Richtung Ofen. Er atmete heftig und wilde Entschlossenheit stand in seinen Augen zu lesen. Er lachte, es war ein grauenhaftes Lachen. Was hatte das zu bedeuten? Sekunden später wußte sie es, denn sie schaute genau in den Lauf seiner Waffe, die er bisher hinter seinem Rücken verborgen gehalten hatte und nun auf sie gerichtet hielt. Sie konnte weder vor noch zurück, denn sie war zwischen Badewanne und Küchenschrank gefangen. Er mußte verrückt sein. Sie starrte ihn an, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, denn ihr wurde mit einem Mal klar, was er vorhatte. Er wollte sie töten, umbringen vor ihrem Kind! Tausend Gedanken rasten durch ihren Kopf. Grausamkeit, die Lust am Zerstören, war das der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit? Wie konnte sie diesem Spuk ein Ende machen, vor allem aber ihre Tochter schützen? Was geschah, wenn er wirklich abdrückte. Herta würde mit dieser Tragödie nie fertig werden. Oder hatte er gar vor, sie beide...? Sie durfte den Gedanken nicht weiterspinnen, er war zu schrecklich. Sie versuchte, einen Schritt vorwärts zu machen, um sich schützend vor das Mädchen zu stellen.

Herta verfolgte jede Bewegung von Johannes mit angstverzerrtem Gesicht. Sie traute sich weder zu schreien noch sich in der Wanne einen Millimeter zu bewegen, obwohl ihr eisige Schauer über den Rücken rannen. Das Mädchen schaute wie gebannt auf die Pistole in Johannes’ Händen und schlug schließlich ihre Hände vors Gesicht, um all das Schreckliche, das auf sie zukam, nicht sehen zu müssen. Elsa zitterte wie noch nie in ihrem Leben. Sie versuchte, mit ihm zu reden, aber alles war vergebens. Er hörte gar nicht zu und starrte sie einfach nur an. Sie wußte im selben Augenblick: Johannes war zu allem entschlossen. Er würde ihr keine Chance lassen. Sekunden später: Es war wie das kurze Zucken eines Blitzes – ein nicht zu beschreibender Schmerz durchfuhr ihren Kopf, und die Welt verdunkelte sich um sie. Herta saß das blanke Entsetzen im Nacken. Sie brachte keinen Ton heraus und kroch immer tiefer in die Wanne.

Durch den Schuß aufgeschreckt rannte Fritz auf die Küchentür zu. Er sprang an ihr hoch, bis er die Klinke erreichte, diese nachgab und die Tür sich öffnete. Ein Blick auf sein am Boden liegenden Frauchen, dann auf Herta – er fletschte die Zähne und setzte zum Sprung an, um Johannes an die Kehle zu springen, der wahllos um sich schoß. Mitten im Sprung wurde Fritz von einer Kugel getroffen. Es schien, als würde sein muskulöser Körper für Sekunden in der Luft stehen, dann fiel er schwer zu Boden, wo er winselnd liegen blieb. Zwei weitere Schüsse beendeten sein Leben. Und dann setzte Johannes die Pistole an seine Schläfe und drückte zum letzten Mal ab"