Faites vos jeux - Machen Sie Ihr Spiel!

Die Turmuhr schlug eins ....

Die Turmuhr schlug eins, die Stunde nach Mitternacht. Eine Zeit, in der normale Bürger schlafen und sich ersten Träumen hingeben. Geträumt hatte auch Rita, allerdings Wachträume, von denen sie hoffte, daß sie sich wie eine Kette aneinandergereihter Perlen vereinen würden. In den  seltensten Fällen jedoch wird aus Tag- oder Nachtträumen Wirklichkeit. Nicht umsonst sagt ja der Volksmund: Träume sind Schäume. Manche träumen ihr halbes Leben lang, um das zu begreifen; andere wiede-rum verstehen es, mit ihren Träumen schöpferisch umzugehen. Sie behaupten, wer nicht mehr träumt, ist schon gestorben. Alle Menschen dieser Erde, egal welcher Hautfarbe oder Konfession, wünschen sich Liebe, Glück, Erfolg, Brüderlichkeit, Schwesternschaft und  Gerechtigkeit. Das Le-ben aber zeigt, dass dies nicht gratis zu haben ist. Warum sonst werden immer wieder Kriege ge-führt, zerbrechen Partnerschaften, werden Menschen von ihresgleichen gefoltert, gehaßt, Kinder mißhandelt, Tiere sinnlos getötet?

Rita saß im Zimmer der eleganten Suite des Steigenberger Hotels Europäischer Hof in Baden-Baden, einer Stadt mit der schönsten und traditionsreichsten Spielbank der Welt. Auch im Casino zerrannen mehr Träume, als daß sie wahr wurden. Die Liste derer, die hier ihr Hab und Gut verspiel-ten und danach keinen anderen Ausweg sahen, als sich umzubringen, ist lang. Nicht nur in der Zeit, als Baden-Baden zum Modebad des europäischen Adels zählte, nein, auch später, als dieser vor-nehm-elegante und international bekannte Ort zur Sommerhauptstadt Europas geworden war.

Rita trug einen Morgenmantel aus Spitze in zartem Blau. Seidig glänzend fielen die schwarzen Haare über ihre schmalen Schultern. Aus dem Spiegel des Frisiertisches schauten ihr haselnußbraune Augen mit wehmütigem Ausdruck aus einem wie aus Elfenbein geschnitzten Gesicht entgegen. Die roten Lippen waren leicht geöffnet und zeigten das rätselhafte Lächeln der Mona Lisa. Den Hintergrund des Raumes nahm ein großes Doppelbett ein.

Fritz, ihr Verlobter, hatte die Luxussuite ausgesucht ...

Fritz, ihr Verlobter, hatte die Luxussuite ausgesucht. Sie mußte zugeben, die Überraschung war ihm gelungen. Eine Suite, die sich Leute ihrer Klasse höchstens ein- oder zweimal im Leben leisten konnten. Einziger Wermutstropfen dabei: Der Aufenthalt in diesem Nobelhotel diente als Ersatz für die in wenigen Wochen geplante Hochzeitsreise nach Spanien, die wegen unaufschiebbarer Termine, wie Fritz beharrlich versicherte, ins Wasser fallen sollte.

Im Licht der Wandleuchter strahlte das Weiß der Laken wie Schnee und lud dazu ein, sich wohlig darauf auszudehnen. Ihre Glieder streckten sich. Eigentlich hätte sie sich in diesen Minuten in die Arme ihres Verlobten kuscheln und er ihr verliebt in die Augen sehen sollen. Dazu waren beide schließlich in dieses exklusive Hotel nach Baden-Baden gefahren. Aber anstatt unter seinen Umar-mungen und Küssen vor Wonne zu erzittern, saß sie allein in diesen Räumlichkeiten und begann Bilanz zu ziehen. Fritz hatte es, wie so oft in letzter Zeit, vorgezogen, die Nacht im Spielcasino am Roulettetisch zu verbringen. Ein weiterer Wermutstropfen nach den sich häufenden Auseinander-setzungen und Zerwürfnissen der vergangenen Monate. Rekapitulierend mußte sie erkennen, daß all seine Beteuerungen, seine Schwüre von Liebe und Besserung ein einziges Lügengebilde darstellten. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie keineswegs den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahm, wie er immer vorgab. Im Gegenteil, sobald die Glitzerwelt des vermeintliches Glückes lockte, von der er sich nicht lösen wollte oder auch nicht konnte, rückte sie sofort in den Hintergrund. Ihre Gedanken eilten zurück ins Casino.

Zugegeben, dort herrschte eine prickelnde ...

Zugegeben, dort herrschte eine prickelnde Atmosphäre. Gut gekleidete Gäste schritten auf wei-chen, dicken Teppichen, die ihre Schritte verschluckten, vom Pompadour-Saal in den Louis XIII., wechselten von da zu den Tischen im Saal Louis XIV., um dort ihr vermeintliches Glück herauszu-fordern. Rita hatte sich umgesehen, die Anspannung in den Gesichtern einiger Spieler, ihre Schweißperlen wahrgenommen.

„Faites vos jeux“ – „Machen Sie Ihr Spiel“, erklang es.

Die Kugel rollte, und das geschliffene Elfenbein entschied über Euphorie oder Niederlage der Spielenden. Rita spürte förmlich die Nervosität der jungen Frau vor ihr, die ihre Jetons von einer Hand in die andere gleiten ließ, um sie dann auf dem grünen Filz des Tisches zu stapeln und ihre Augen, wie eine Schlange das Kaninchen hypnotisierend, auf die Kugel zu richten. Andere glaubten durch Zahlenreihen, die sie unentwegt auf Papier kritzelten, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden. Frauen, mit gleißendem Geschmeide behängt, stärkten sich an kleinen Tischen mit einem Espresso, während die Ehemänner für gewöhnlich hastig eine Zigarette rauchten und den Gewinn mit Cham-pagner begossen oder den Verlust anderweitig zu ertränken versuchten. Auch Rita konnte sich die-sem Flair nicht ganz entziehen, aber für sie war es weniger der Reiz des Spiels, der sie gefangen-nahm, für sie als Malerin zählte in erster Linie die Umgebung. Die Innenausstattung der Räume, im Stil französischer Schlösser gehalten, faszinierte sie enorm. Egal, ob die Wand- oder Deckenbema-lung, der unvergleichlich schöne Marmor, das Messing, der Stuck, die Fresken, bemalten Kacheln oder die schlanken Säulen, alles fand sie außergewöhnlich beeindruckend. Jedes Detail stellte ihrer Meinung nach ein Kunstwerk für sich dar. Die barocke Pracht in den Nischen, die Skulpturen aus kühlem weißen Marmor verlockten regelrecht zu einer Berührung. Dazu das warme Licht der tief von der Decke herabhängenden Kronleuchter. Dieses Eintauchen in die vorherrschende Harmonie ließ sie ihre Umwelt fast vergessen. Das Spiel selbst verfolgte sie mehr nebenbei. An den Tischen saßen Frauen und Männer mit Hoffnung in den Augen oder auch Enttäuschung, wenn die gesetzte Zahl nicht kam und der Croupier die Jetons – meist ein wahres Vermögen – mit seinem Rechen wie wertlose Kiesel vom Tisch räumte. Im nächsten Moment hieß es erneut:

„Bitte Ihren Einsatz, bitte das Spiel zu machen.“ Ihr Einsatz, bitte.

Rita stellte sich neben Fritz ...

Rita stellte sich neben Fritz, sah das funkensprühende Glitzern in seinen Augen, und ihr Herz begann hammerartig von Spiel zu Spiel heftiger zu schlagen, denn die Summen, die ihr Verlobter einsetzte und verlor, überstiegen ihre Vorstellungskraft. Sie waren beide nicht arm, aber Rita mußte viel zu hart arbeiten, um ihr Geld mit links verspielen zu können oder einer Illusion nachzujagen, die Glücksgöttin hieß. Als realistisch denkender und mit beiden Beinen auf der Erde stehender Mensch wußte sie, es gab keine Garantie, daß diese ihr Füllhorn auch einmal über sie oder Fritz ausschütten und sie reich machen würde. Im Gegenteil, die Bank gewann letztendlich immer. Rita versuchte mit Engelszungen Fritz auf seine Leichtfertigkeit anzusprechen. Er reagierte nicht, drehte sich ostentativ weg und tat, als sei sie überhaupt nicht vorhanden. Erneut versuchte sie, sich Gehör zu verschaffen, indem sie behutsam seinen Arm berührte und ein letztes Mal bat:

„Bitte laß uns gehen, Fritz! Es ist spät geworden und meines Erachtens der Zeitpunkt gekommen, wo du aufhören solltest. Findest du nicht auch? Bitte!“

Er schaute sie an, und seine Augen sprühten nicht nur Funken der Entrüstung, sondern auch Ver-achtung ob ihrer Kleinlichkeit. Sie trat einen Schritt hinter ihn, denn sein unangenehmer Atem, der sie heiß wie der eines Raubtieres streifte und von einem Übermaß an Alkohol durchdrungen war, ließ sie plötzlich das Gefühl von Ekel empfinden. Auch die Art, wie er sie hier behandelte und mit ihr sprach, machte ihr mit einem Schlag die Sucht, die Besessenheit des Spielers klar.

„Ob ich gewinne oder verliere, das ist ganz allein meine Sache, Rita“, zischte er wie eine Schlange. „Schließlich ist es nicht dein, sondern mein Geld, das ich einsetze.“
„Fritz, bitte verstehe mich richtig. Ich will dich ja nicht vom Spiel abhalten oder bevormunden. Ich meine nur, daß die Summe, die du bereits verspielt hast, bedenklich hoch ist. Oder siehst du das anders?“

„Na, und? Ich wiederhole mich nur ungern, aber das ist ausschließlich meine Sache und geht dich einen Dreck an. Glaube nicht, daß ich mir von dir in irgendeiner Beziehung Vorschriften machen lasse. Das wäre ja noch schöner! Wir sind nicht verheiratet, und selbst wenn, so ginge es dich nichts an!“

„Ist das dein letztes Wort?“

Eine Träne schimmerte in ihren schönen ...

Eine Träne schimmerte in ihren schönen und beredten Augen. Gäste schauten sich, auf sie auf-merksam geworden, nach ihnen um.
„Wie kann ein Mensch nur so kleinlich sein? Wenn es dich aufregt oder dir hier zu langweilig ist, du gar müde bist, dann ist es das Beste, du gehst ins Hotel zurück, Rita. Leg dich schlafen. Ich komme später nach!“

Damit drehte er sich um, steuerte erneut auf einen der Roulette-Tische zu und ließ sie mitten im Raum wie eine dumme Gans stehen. Mit dieser Geste stempelte er sie – eine Frau von dreißig Jahren – zu einem kleinen Kind, das von einem Erwachsenen einfach zu Bett geschickt wurde. Sie konnte seinen Anblick auf einmal nicht mehr ertragen, brauchte frische Luft. Die Abendtasche unter den Arm geklemmt, holte sie ihren Mantel an der Garderobe ab und lenkte ihre Schritte eilig nach draußen.

Eine laue Sommernacht; der Himmel über ihr glänzte von Millionen Sternen, und der Mond lächel-te weise auf sie herab, so, als wisse er über die Unzulänglichkeiten der Menschen nur allzugut Bescheid. Empörung und Wut krochen in ihr wie eine Natter hoch, von den Zehen bis zum Bauch, bis sie am ganzen Körper zitterte. Sie setzte sich auf eine der Bänke im Kurpark, atmete mehrmals tief durch und lehnte sich zurück. Sekundenlang schloß sie die Augen, bis sie sich etwas beruhigt hatte, dann sagte sie in die Stille der Nacht:
„Habe ich es nötig, mir ein solches Verhalten bieten zu lassen? Nein! Heute bist du zu weit gegan-gen, Fritz! Meine Kompromißbereitschaft hat viel zu lange angehalten. Wie konnte ich nur so blöd, so nachsichtig sein! Ab sofort werde ich das ändern müssen! Ich allein!“

Mit diesem Vorsatz erhob sie sich und schritt wenig später bedächtig durch die Kurhaus-Kolonnaden, die hell erleuchtete, vornehme Geschäftsstraße im Kurpark. Sie betrachtete die Auslagen und fand schließlich ihre innere Ruhe wieder, als sie gemächlichen Schrittes in den Europäischen Hof zurückkehrte.

Mit dem Lift fuhr sie zu ihrer Suite ...

Mit dem Lift fuhr sie zu ihrer Suite hinauf und öffnete diese mit der Chipkarte. Komisch, ihr Un-terbewußtsein hatte es wohl längst geahnt oder sogar gewußt, aber erst das Erlebnis in dieser Nacht führte sie zu der Erkenntnis, daß Fritz und sie eigentlich nichts, aber auch gar nichts gemein hatten, was zur Basis einer guten Ehe gehörte. Sie schaute in den Spiegel und begann Zwiesprache zu halten:

„Sei ehrlich Rita, du hast dir aus Angst vor dem Alleinsein viel zu lange etwas vorgemacht und dich wie ein Backfisch an eine Liebe geklammert, um sie nicht zu verlieren. Aber Angst ist eine schlechte Ratgeberin. Außerdem ist Liebe ein Geschenk, vor allem wandelbar und kann niemals zum Besitz werden. Was du nicht besitzt, kannst du also auch nicht verlieren, denn im Gegensatz zu dir hat Fritz dir seine Liebe nicht einmal zum Geschenk gemacht. Ich glaube, es war mehr der Wunsch, vom Glück einen Zipfel zu erhaschen. Du mußt die ganze Zeit über blind gewesen sein, um das nicht zu erkennen, oder du wolltest dir das Scheitern dieser Beziehung nicht eingestehen, hast es womöglich als deine eigene Schwäche ausgelegt? Wahrscheinlich sollte Baden-Baden ein letzter Versuch sein, etwas kitten zu wollen, was sich längst nicht mehr kitten läßt? Noch ist es glückli-cherweise nicht zu spät. Wie er im Spiel-Casino so vor dir stand – ich weiß nicht, aber so toll und einmalig, wie du ihn früher gefunden hast, ist Fritz doch gar nicht! Im Grunde genommen hat er weder eine außergewöhnliche Ausstrahlung noch bietet er etwas, das andere nicht bieten können. Eigentlich hat sich alles richtig gefügt, und der heutige Abend ist für dich ein Glück. Dadurch bist du buchstäblich in letzter Minute zur Besinnung gekommen und, willst du deine Selbstachtung nicht verlieren, zu einer Entscheidung gezwungen.“

Sie starrte immer noch auf ihr Spiegelbild. In Gedanken hörte sie wieder das Rollen und Hüpfen der Roulette-Kugel sowie die Stimme des Croupiers: Nichts geht mehr! Dieser Satz bekam auf einmal einen doppelten Sinn für sie. Ihre Beziehung war wohl mehr ein Rausch der Begierde gewesen, sonst nichts. Eine Feststellung, die sie komischerweise keineswegs umwarf oder wie der Blitz traf. Diese Erkenntnis machte sie zu ihrem eigenen Erstaunen nicht einmal unglücklich. Im Gegenteil, eine große Erleichterung ergriff in diesem Moment von ihr Besitz. Sie stand auf, ging einige Male durch den Raum, setzte sich schließlich in den bequemen Sessel am Fenster und begann erneut, ihre Beziehung zu Fritz zu analysieren. Nachdem der rosarote Schleier endlich gefallen war, sah sie ihn mit völlig nüchternen Augen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen, der Hals schien so trocken, daß sie kaum noch schlucken konnte. Sie stöberte in der Minibar nach einem Getränk, nahm ein Mineral-wasser und trank es mit gierigen Zügen. Sie hielt das Glas in die Höhe, schaute hindurch, als könne sie darin die Zukunft erblicken und fragte:

„Wieso eigentlich Wasser? Wenn Fritz sich im Spielcasino amüsiert, dann sollte ich mir zumindest eine Flasche Champagner aufs Zimmer kommen lassen. Eine verrückte Idee? Nein, wieso eigentlich nicht!“

Sie fiel in ein melodisches Lachen

Sie fiel in ein melodisches Lachen, griff zum Telefon und gab ihre Bestellung durch. Bisher hatte es bei ihr Champagner nur zu bestimmten Anlässen gegeben: zu einem runden Geburtstag, während ihrer ersten Vernissage oder zu einer außergewöhnlichen Ausstellung ihrer Bilder, zu Silvester. Heu-te war es der Abschied von einer Liebe, die bezogen auf Fritz diesen Namen nicht verdiente. Kein freudiger Anlaß also, aber Anlaß genug, auf diese Feststellung zu trinken! Es klopfte. Der Zimmerkellner trat auf ihr:

„Bitte!“

herein und brachte den Champagner; eisgekühlt versteht sich.

„Möchten Sie, daß ich die Flasche öffne?“ wollte er wissen.

„Ich bitte darum“, war Ritas Antwort.

„Ist es Ihnen recht, wenn ich den Eiskübel hier auf den Tisch stelle?“

„Aber gewiß!“

Ein junger, gutaussehender Mann von mittelbrauner Hautfarbe, groß, mit glutvollen Augen – ein Spanier oder ein Italiener, überlegte Rita. Seine Gesichtszüge ähnelten ein wenig dem jungen Costa Cordalis und riefen in ihr die Künstlerin wach. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, ob sie eine Skizze von ihm anfertigen dürfe und er einen Schluck auf ihr Wohl trinken wolle. Aber ihre Erziehung hielt sie in letzter Minute davon ab. Als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte, drehte sie das Radio an. Sie nahm das Glas in die Rechte, stellte sich vor den venezianischen Spiegel und prostete sich zu. Ein sentimentaler Song drang aus dem Äther an ihr Ohr, der vollkommen zu ihrer Stimmung paßte. Sie lauschte der einschmeichelnden Baritonstimme. War es nicht etwas Wunderba-res, sich durch die Technik einfach den Klang dieser Stimme über Länder und Grenzen hinweg ins Zimmer holen zu können? Es erschuf eine Nähe, die etwas Sinnliches in sich trug, beglückte, und die man bei Bedarf ebenso schnell wieder ausschalten konnte. Für Sekunden haderte sie mit ihrem Schicksal, gab sich der Resignation hin. Dieser Zustand hielt glücklicherweise nicht lange vor. Die Stimme aus dem Radio berauschte sie, weckte Sehnsüchte in ihr. Ihre Hände strichen über ihren Hals, tasteten sich langsam über ihre Brüste. Sie fühlte, wie sich ihre Brustwarzen stellten. Sie genoß die Wärme, die Sinnlichkeit, die von ihrem Körper Besitz ergriff und sie gefangennahm. Sie schenk-te sich erneut von dem perlenden Getränk ein. Der Champagner rann prickelnd die Kehle hinunter, kitzelte in ihrer Nase, so daß sie mehrmals niesen mußte. Tränen traten in ihre Augen, und sie murmelte:

„Es gibt Schlimmeres, Rita! Reiß dich also zusammen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Sie öffnete das Fenster ...

Sie öffnete das Fenster und schaute in die Dunkelheit der Nacht. An Schlaf war nicht zu denken. Ihre Gedanken eilten in eine ganz andere Richtung, von Baden-Baden fort nach Karlsruhe, zu ihrer letzten Vernissage. Eine Ausstellung, die keineswegs zu den erfolgreichsten ihrer Laufbahn zählte. Die wenigen Besucher, die sich zur Eröffnung einfanden, konnte Rita fast an zwei Händen abzählen. Sie wußte selbst, daß in diesen Bildern die Technik regierte, es ihnen an Wärme, an Ausstrah-lung fehlte. Ritas innere Zerrissenheit hatte sich in letzter Zeit beim Malen sehr stark auf ihre Bilder übertragen. Und so konnten diese – anders als im vergangenen Jahr – auch die Presse zu keinem Lobgesang hinreißen. Um so freudiger überrascht war Rita, als Ursula, eine Freundin aus der Inter-natszeit, plötzlich vor ihr stand, sie umarmte und ihr zu der Ausstellung gratulierte.
„Hallo, Ursula, welche Überraschung! Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dich zu sehen. Doch sag, was führt dich nach Karlsruhe?“
Mit diesen Worten hatte sie die Freundin begrüßt.

„Eigentlich bin ich geschäftlich hier. Durch puren Zufall habe ich gestern in der Zeitung über dei-ne Ausstellung gelesen. Ja, und da bedurfte es keiner Frage mehr: ich mußte dich besuchen, möchte hören, wie es dir geht. Immerhin haben wir uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

„Laß mich nachrechnen: fünf Jahre! Oder ist es länger her? Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich über dein Kommen freue, Ursula.“

Rita freute sich ehrlichen Herzens, denn Ursula gehörte zu dem schönsten Teil ihrer Jugend. Ursu-la und Andrea, das Kleeblatt, oder die drei Unzertrennlichen, wie man sie auf dem Internat genannt hatte. Eine unbeschwerte Zeit, in der die drei jungen Mädchen tagtäglich zusammenhockten, über ihre Sorgen, Sehnsüchte, Berufsvorstellungen und das erste Verliebt sein sprachen.

„Kannst du dich für ein paar Stunden freimachen? Oder bist du hier unabkömmlich?“ wollte Ursula wissen.

„Ich glaube, es wird mich keiner vermissen. Außerdem könnte mich Frau Lellig vertreten, falls du etwas Bestimmtes planst.“

„Ich würde mich gern mit dir in ein gemütliches Cafe setzen und von alten Zeiten tratschen. Auch dir würde das sicher gut tun, meine ich.“

Ursula schien bemerkt zu haben, daß mit der Freundin etwas nicht stimmte.

„Wenn du ein paar Minuten wartest, ich sage nur Frau Lellig Bescheid. Du kannst dich ja hier in-zwischen etwas umsehen, wenn du willst?“

„In Ordnung!“ –

„So, da bin ich. Wir können gehen!“

„Laß mich dir zuerst sagen, wie schick du aussiehst, Rita!“

„Danke für das Kompliment!“

{Rita selbst trug eine Hose ...|green}

Rita selbst trug eine Hose in beigefarbenen Seidenleinen mit der dazu passenden Jacke und einer türkisfarbenen Bluse darunter. Über der Schulter hing eine beigebraune Ledertasche an einem langen Riemen. Die Füße schmückten goldbraune Sandaletten. Ursula dagegen war mit einem sommer-lichen Kostüm in Lindgrün mit der dazu farblich abgestimmten Bluse bekleidet. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der von einer seidenen Rosette gehalten wurde und der ihr viel Jugendlichkeit verlieh. Die beiden Freundinnen betraten ein geschmackvoll eingerichte-tes Café, suchten sich einen Platz am Fenster, wo sie glaubten, ungestört miteinander reden zu kön-nen. Den kleinen runden Tisch aus rotbraunem Holz zierte in der Mitte eine rosafarbene Decke mit Handstickerei. Darauf stand eine zierliche Vase mit gelben Röschen, die ausnahmsweise noch den Duft von Rosen verströmten. Ein junges Mädchen mit weißer Schütze kam, um die Bestellung auf-zunehmen: für jede ein Kännchen Kaffee und je ein Stück Schokoladensahnekuchen.

„Nun erzähl schon, Ursula. Was hast du in den letzten Jahren so getrieben?“ eröffnete Rita das Gespräch, um von sich abzulenken.

„Eigentlich wollte ich dir diese Frage stellen. Aber gut, fangen wir bei mir an. Ich bin seit zwei Jahren verheiratet und sehr glücklich.“

„Das darf nicht wahr sein! Du und verheiratet? Wieso weiß ich nichts davon? Ist dein Mann so schön oder so häßlich, daß du dies Ereignis verschwiegen hast?“

„Keines von beiden. Ich kann dir hierfür auch keinen plausiblen Grund nennen. Ich habe es nie-manden mitgeteilt, selbst Andrea nicht! Außerdem haben wir in aller Stille geheiratet.“

„Jetzt bin ich wirklich platt, Ursula. Was macht dein Mann denn beruflich?“

„Er ist Chefarzt einer Stuttgarter Klinik.“

„Oh là là! Dann darf ich wohl davon ausgehen, daß du nicht mehr in München wohnst?“

„Ganz recht!“

„Und wie habt ihr euch kennengelernt, wenn ich das fragen darf?“

„In Garmisch, im Urlaub. Es war Liebe auf den ersten Blick, kann ich dir sagen. Wir liegen voll-kommen auf einer Wellenlänge und verstehen uns in jeder Beziehung prima.“

„Das freut mich wirklich für dich. Ich gratuliere!

„Danke!“

„Und was macht Andrea? Stehst du mit ihr in Verbindung?“

„Andrea lebt in Amerika. Sie ist Journalistin. Es geht ihr ausgezeichnet.“

„Journalistin? Sieh an, sieh an! Unsere Andrea, das scheue Reh, die schon rot wurde, wenn einer sie nur ansah, geschweige ansprach. Da muß sie ja eine Wandlung von mindestens l80 Grad mitge-macht haben. Kannst du dich noch an unseren Badeausflug an den kleinen abgeschiedenen Waldsee erinnern? Ein wunderschönes Fleckchen unberührter Natur.“
„Und ob! Du hast damals immerhin ihren Badeanzug versteckt und sie somit gezwungen, nackt zu baden. Wir haben uns vergickelt, während sie vor Scham fast in Ohnmacht gefallen ist.“

„Ich weiß, dieser Streich war nicht gerade von der feinen englischen Art, aber es juckte mir buch-stäblich in den Fingern, denn ihr beide ward so schrecklich verklemmt.“

„Zu dieser Zeit war ich auch noch ein Unschuldslamm“, lachte Ursula, „und außerdem lagen zwi-schen deiner und unserer Erziehung Welten.“

Rita hatte dieser Schabernack besonders viel Spaß bereitet. Auch fand sie überhaupt nichts dabei. Ihre Eltern hatten mit ihr an der Ostsee mehrfach an einem FKK-Strand gebadet. Für sie war es also nicht ungewöhnlich, andere nackt zu sehen. Sie selbst liebte ihren Körper, fand ihn schön und zeigte sich demzufolge gern und ohne Vorbehalte.

„Ja, das waren noch Zeiten, Ursula!“

„Nun erzähle aber einmal, wie es dir geht“, bat Ursula.

„Mir?“

„Ja, dir! Oder siehst du eine weitere Person an unserem Tisch?“

„Eigentlich ganz gut. Ich will in sechs Monaten heiraten.“

„Entschuldige bitte, aber das klingt nicht nach einer glücklichen Braut. Du sagst es eher feststel-lend. Mit einer Miene, als würdest du notgedrungen ein weiteres Stück Kuchen bestellen oder dich einer zum Schafott statt zum Standesamt führen wollen. Wie heißt denn der Knabe?“

„Fritz Weinhold! Du kennst ihn ganz bestimmt nicht, auch wenn er längere Zeit in München ge-wohnt hat.“

„Fritz Weinhold“,

wiederholte Ursula gedehnt. Sie hatte Mühe, sich nicht am Kaffee zu verschlucken, denn sie wuß-te nicht recht, ob sie nun weinen oder vor Lachen losprusten sollte. Die Welt war wirklich ein Dorf. Und ob sie Fritz kannte! Sehr gut sogar, wenn sie bedachte, daß sie fast zwei Jahre ihres Lebens an der Seite dieses Mannes verbracht hatte. Zwei vergeudete Jahre! Und diesen Mann wollte ihre Freundin Rita heiraten? Davon würde sie ihr, nein, davon mußte sie ihr abraten. Aber durfte sie das? Wieso eigentlich nicht? Glücklich schien die Freundin eh nicht zu sein. Sie schaute in Ritas Gesicht und entschied: nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Sie würde abwarten, mußte erst ein paar weitere Fragen stellen.

„Bist du glücklich mit ihm, Rita?“

Ein Seufzer entrang sich Ritas Brust, ehe das:

„Ich glaube schon“, kam.

„Glauben heißt nicht wissen. Wenn du meine Frage also nicht mit einem jauchzenden, sagen wir wenigstens, mit einem konsequenten Ja und nochmals Ja beantworten kannst, sondern nur glaubst, glücklich zu sein oder gar überlegen mußt, dann bist du es ganz sicher nicht! Ich weiß das aus Erfah-rung, Rita, und möchte dich, als meine Freundin, vor einer eventuellen Dummheit bewahren. Sag mir bitte, ist Fritz um dich bemüht? Wie stellt er sich zu deiner Arbeit, der Malerei? Das sind alles äußerst wichtige Dinge für ein Zusammenleben.“

„Er ist groß, ein sportlicher Typ, charmant, aber durch und durch Macho.“

„Du umgehst meine Fragen, Rita! Du bist ein Mensch voller Kreativität, steckst voll neuer Ideen und Einfälle, bist gebildet, humorvoll und sehr, sehr sensibel, wie alle Künstler. Du brauchst einen Mann neben dir, der zwar nicht unbedingt die Muse sein muß, die dich küßt, aber der dich zumin-dest unterstützt. Einen, der deine Arbeit anerkennt, dich lobt, auch ehrliche Kritik übt. Tut er das? – Dein Schweigen sagt mehr als tausend Worte. Er tut es also nicht! Und warum tut er es nicht? Ganz einfach, weil es ihn überhaupt nicht interessiert, er nur sich und seine Bedürfnisse kennt und erwar-tet, daß der andere sie befriedigt. War er schon einmal auf einer deiner Vernissagen?

„Nein!“

„Das habe ich mir gedacht. Und das stört dich nicht?“

„Doch! Ich gebe zu, es ärgert mich sogar maßlos. Fritz hat es bisher kein einziges Mal für nötig gehalten zu kommen oder die Presseberichte darüber zu lesen, mit mir zu diskutieren. Aber an meiner Arbeit und mir herummäkeln, das kann er. Er habe nicht den nötigen Draht zu Künstlern, behauptet er.“

„Siehst du! Sag ihm deine Meinung, jage ihn zum Teufel!“

„Ach, Ursula, gerade gestern hätte ich ihn so nötig gebraucht. Er jedoch hat weder angerufen noch gefragt, wie es war. Wahrscheinlich wußte er, daß es eine Pleite geben würde. Oder hat es zumin-dest geahnt, als ich ihm die auszustellenden Bilder zeigte. Er hat sie nur oberflächlich betrachtet und in seinen Worten lag nichts als Abwertung. Während ich das Barocke liebe, auch die Landschafts-malerei, zieht er die Moderne vor. Nach dem Reinfall gestern hätten mir ein paar tröstende Worte gut getan, selbst wenn sie geheuchelt gewesen wären. Sie hätten mich aufgerichtet und mir gehol-fen, meinen Optimismus wiederzufinden. In solchen Stunden bekommen Verrisse in der Presse ein überstarkes Gewicht, sie drohen einen zu vernichten. Auch wenn ich nach außen forsch tue, Fritz müßte meine Ängste diesbezüglich doch kennen.“

„Wenn ich dir so zuhöre, dann packt mich die kalte Wut. Hör auf, verrückt zu spielen und dir et-was vorzumachen! Jeder Mensch hat einmal ein Hoch und ein Tief, und du sitzt halt jetzt in einem Tief, was sich in deinen Bildern ausdrückt. Aber das ist noch lange kein Grund, an dir zu zweifeln oder gar zu verzweifeln. Vergiß ihn! Fritz ist ein Mann, der von jeher nur an sich und seine Vergnü-gungen gedacht hat und nie nach anderen fragen wird. Erst kommt er, dann kommt er, dann eine Weile nichts, und dann kommt wieder er.“

„Woher willst du das wissen, Ursula?“

Die Freundin konnte einfach nicht mehr an sich halten und vergaß alle guten Vorsätze.

„Ganz einfach, wir waren zwei Jahre miteinander liiert, meine Liebe.“

Nun war es heraus ...

Nun war es heraus.

„Ich erinnere mich nicht gern an diese Zeit. Im Nachhinein frage ich mich, wieso ich es so lange mit ihm ausgehalten habe. Von seiner Schokoladenseite bröckelte die Masse ziemlich schnell ab. Rita, erwache bitte aus deinen Träumen und vergiß ihn! Als es zwischen Fritz und mir aus und ich zur Besinnung gekommen war, habe ich ihm nicht eine einzige Träne nachgeweint. Er war es auch nicht wert. Sicher, er war auf seine Art und zu gewissen Zeiten großzügig, er hatte hochfliegende Pläne, seine Träume schienen zum Greifen nah zu sein, womit er mich und wohl auch sich selbst täuschte. Mein Gott, wenn ich daran denke, was ihm alles vorschwebte: in einem der vornehmsten Stadtviertel Münchens zu wohnen, in einer Villa mit großem Garten, Auffahrt, Zimmerfluchten und entsprechendem Personal. Es ging ihm in erster Linie darum, der besseren Gesellschaft anzugehören. Ich will gar nicht abstreiten, daß er ein Charmeur ist, der jedes dafür empfängliche Frauenherz leicht entflammen kann. Das wirst du sicher bestätigen. Er war voller verrückter Einfälle, verwöhnte mich, besaß zeitweise viel Geld, und ich fragte nicht, woher es kam. Ich begehrte lange nicht auf, wenn er nächtelang ausblieb, sein Geld verspielte. Ich bewunderte ihn sogar eine geraume Zeit lang, getreu dem Motto meiner Erziehung, Männer glauben zu machen, daß sie in jeder Beziehung einmalig seien, alles recht machten. Aber ich entwickelte mich, und so fiel es mir von Tag zu Tag schwerer, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen. Wir hatten vereinbart, uns die Miete und andere Kosten zu teilen. Du weißt, ich bin kein Typ, der sich aushalten läßt. Obwohl er genügend Geld besaß, blieb die Zahlung der Miete am Ende zumeist an mir hängen. Er füllte den Tank des Autos mit Benzin bis zum Rand voll, wenn ich mit dem Bezahlen dran war. Dabei fuhr ich die meiste Zeit mit der Straßenbahn oder der S-Bahn. Er bestellte sich ein tolles Menü, mir empfahl er nicht einmal ein Filet, sondern ein gewöhnliches Rumpsteak. Ich war sozusagen stets zweite Garnitur.“

„Das hört sich ja schrecklich an!“

„Ja, es dauerte seine Zeit, bis ich in meiner Gutgläubigkeit merkte, was gespielt wurde. Eines Ta-ges habe ich schließlich meine Koffer gepackt und ihn sitzenlassen. Anders hätte ich meine Würde nicht wiedergefunden. Rita, glaub mir, ich habe zweimal überlegt, ob ich mich zu diesem Thema äußere. Doch als ich den Eindruck bekam, dass du mit offenen Augen in dein Unglück rennst, mußte ich es tun. Verzeih mir, bitte!“  OK?

Einen Moment lang war es still zwischen den beiden Frauen. Ursula holte tief Luft und fragte:

„Bist du mir böse?“

„Nein, ganz und gar nicht, jedoch bin ich überrascht. Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht da-mit, daß auch du mit Fritz zusammen warst. Er hat deinen Namen nie erwähnt.“
„Warum sollte er auch? Wir haben uns vor mehr als drei Jahren getrennt. Es gab nur noch Krach zwischen uns, und ich fand seine Behandlung mir gegenüber demütigend. Da half lediglich ein sogenannter Schnellschnitt.

Ich ging nach Stuttgart, fand eine gut bezahlte Stelle und versuchte, diese Episode zu vergessen. Immerhin war ich um eine Lebenserfahrung reicher. Der Mensch schmiedet sein Schicksal oft auch selbst. Und heute bin ich mit einem wirklich lieben Mann verheiratet. Und glücklich. Überlege dir diesen Schritt also bitte reiflich, Rita“, waren Ursulas eindringliche Worte gewesen.

Wieder griff Rita zur Champagnerflasche ...

Wieder griff Rita zur Champagnerflasche, goß den letzten Rest in ihr Glas. Selbst wenn sie noch Zweifel gehabt hätte, sie waren in dieser Nacht ausgeräumt worden. Sie würde Fritz keine Szene machen, keinen Streit vom Zaun brechen, aber auch nicht mit guten Wünschen verschwinden oder ihn gar bitten, wenigstens Freunde zu bleiben. Nein, ein glatter symbolischer Schnitt war das Beste, da mußte sie Ursula recht geben.

Die Turmuhr schlug 4 Uhr früh. Die Champagner-Flasche war leer. Ihr Kopf war klar, so klar wie nie zuvor. Sie ging unter die Dusche und legte sich danach schlafen. Sie hörte nicht mehr, daß Fritz zurückkehrte.

Die Strahlen der Morgensonne, die ins Zimmer drangen, kitzelten sie wach. Sie stand auf, zog sich an und begann zu packen. Fritz setzte sich im Bett auf und fragte:

„Warum machst du einen solchen Lärm? Sei bitte etwas leiser. Ich habe schreckliches Kopfweh.“

„Ich packe!“

Er schien nicht verstanden zu haben, denn seine nächste Frage lautete:

„Kannst du mir bitte zweitausend Mark leihen? Ich bin pleite, total pleite. Ich kann nicht einmal mehr die Suite bezahlen.“

Das war wohl der Gipfel! Aber sie wollte nicht als Zechprellerin das Haus verlassen, und so erwiderte sie nach reiflicher Überlegung:

„Wenn dir mit einem Scheck gedient ist? Das Bargeld brauche ich selbst. Ich bitte dich allerdings um möglichst umgehende Rückzahlung. Ich kann eine solche Summe nicht einfach abschreiben.“

„Selbstverständlich!“

Erst jetzt bemerkte Fritz den fertig gepackten Koffer Ritas. Er schüttelte verwundert den Kopf.

„Wo willst du hin? Sei nicht kindisch, Rita! Was soll das alles?“

„Das ist sehr leicht zu beantworten, Fritz. Ich verlasse dich, und zwar für immer. Eine Heirat fin-det nicht statt! Dafür gibt es eine sofortige und endgültige Trennung! Eine Trennung, die ich hätte längst vollziehen sollen.“

Er schaute sie ungläubig an:

„Warum, sag mir bitte warum?“

„Das fragst ausgerechnet du? Ich bin zu der Ansicht gelangt, daß ich es viel zu lange mit dir aus-gehalten habe. Wir passen nicht zueinander. So einfach ist das! Leb wohl, Fritz, und vergiß bitte nicht, mir das Geld zu überweisen. Ich verlasse mich darauf!“

Sie nahm ihren Koffer in die Hand und verließ daraufhin die Suite.

Die Tür fiel zu. Fritz schaute ihr entgeistert nach, wollte es nicht glauben, nicht begreifen, daß ihn, ausgerechnet ihn, der sich für unwiderstehlich hielt, nun zum zweiten Mal eine Frau verlassen hatte. Er fragte laut:

„Warum nur? Was habe ich ihr getan? Ich liebe sie doch! Sie hat sich zum Abschied nicht einmal herumgedreht, ist einfach gegangen!“

Er richtete sich im Bett auf und nach und nach wurde ihm ganz allmählich klar, daß er in der ver-gangenen Nacht nicht nur ein Vermögen verspielt hatte, sondern wahrscheinlich auch sein Glück oder das, was er dafür hielt. Und das tat weh, tat seinem Ego sogar empfindlich weh.

  

Brigitte Sattelberger


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