- Ein Tag in Riccione -

Der Morgen

Der Morgen:

Sonne – 40 Grad, meldet der Wetterbericht im Fernsehen, als ich das Hotel verlasse.

Ein paar Schritte nur und ich habe den Strand erreicht. Um diese frühe Morgenstunde liegt er noch ziemlich einsam und verlassen. Blauer Himmel wölbt sich über mir. Das beglückende Gefühl von Freiheit durchströmt mich. Aber nicht nur das, auch das Gefühl, als gehöre dieses Eiland mir ganz allein. Die Strahlen der Sonne werfen erste Schatten von Liegen und Sonnendächer, als ich zu mei-nem Strandspaziergang aufbreche. Wärme umspielt meine Haut, mein Brustkorb weitet sich beim kräftigen Einatmen der salzhaltigen Luft. Das Meer ist spiegelglatt und zeigt sich von seiner sanftesten Seite. Leise rollen die Wellen an Land, ihre eigene Melodie singend.

Der Sand unter meinen Füßen gibt mir das Gefühl, auf einem beheizbaren Teppich zu laufen, mit jedem weiteren Schritt mit der Natur eins zu werden. Alle Nerven, all meine Sinne fühlen sich ange-sprochen. Sie erwidern die zunehmende Wärme, die sich angenehm auf meinem ganzen Körper aus-breitet und wie liebkosende Hände sind, Wellen auslösen und längst verschüttet geglaubte Gefühle und Sehnsüchte wachrufen, die mein Blut in Wallung bringen.

Ich beginne meine Schritte zu beschleunigen - bis zum Hafen. Hier wende ich und verordne mir kneipp’sches Kuren, indem ich dreißig Minuten tapfer durch das angenehm temperierte Wasser wa-te. Hin und wieder bleibe ich stehen, um kleine Muscheln oder Krabben zu begutachten und sie durch meine Finger gleiten zu lassen, bevor ich sie erneut ihrem feuchten Element überantworte. Plötzlich umkreist ein Schwarm winziger Fische meine Waden, dann meine Knie. Fasziniert bleibe ich stehen, denn es ist, als machten sie sich einen Spaß daraus, ganz sacht meine Haut zu berühren. Ich frage mich, was sie von mir wollen und zu welcher Art sie wohl gehören. Ich lache laut, nicht nur, weil es lustig anzusehen ist, wie sie auseinanderstieben, sobald ich einen Schritt vorwärts ma-che, sondern weil ich sie mir in kühnstem Traum als Abordnung des Meeresgottes vorstelle, der nun unmittelbar aus seinen Untiefen vor mir auftauchen muß. Neptun, der mich in seine Arme nehmen und in das seichte Wasserbett hinabziehen wird. Gleich darauf trete ich in eine Senke. Das Wasser ist hier etwas wärmer, und schon löst sich der Fischschwarm auf. So plötzlich wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder und bereitet meinen Fantastereien ein Ende. Wo wird der Weg sie hin-führen? Hoffentlich an keinen Spieß oder gar in die Bratpfanne, überlege ich noch.


Meine Blicke schweifen erneut über die Wasseroberfläche und bleiben auf der sich im Wasser glit-zernden, diamantenen Straße hängen, wandern weiter bis zum Firmament und verlieren sich in der Weite der Unendlichkeit. Das Licht hat sich verändert. Es kommt mir  intensiver, noch heller und strahlender vor als vor einer Stunde.
Die Sonne beginnt auf meiner Haut zu brennen sowie der glühendheiße Sand unter meinen Füßen, und ich suche die Kühle des Schattens unter dem von mir gemieteten Sonnendach. Hier mache ich es mir auf dem Liegestuhl bequem. Immer noch herrscht himmlische Ruhe. Die Italiener kommen meistens erst zwischen 10:00 Uhr und 10:30 Uhr. Ich kann also meditieren, mich ganz fallen lassen oder nach Lust und Laune schwimmen gehen.

Mittag

Mittag

Wieder hat das Licht gewechselt. Seltsam, zu Hause fällt mir das weit weniger auf. Ist es, weil ich hier mehr Zeit habe, all diesen Dingen größere Bedeutung schenke oder meine Umgebung  intensi-ver wahrnehme? Gleich nach dem Essen ziehe ich mich um und gehe erneut in Richtung Hafen. Die Straßen sind wie leergefegt, stelle ich fest. Die Sommergäste halten Siesta. Ich scheine zu den weni-gen Verrückten zu gehören, die bei dieser Gluthitze um die Mittagszeit unbedingt einen Verdauungsspaziergang machen müssen. Egal, denn ich brauche nach dem reichhaltigen Essen Bewegung! Schweißtropfen bilden sich auf meiner Stirn und in den Armbeugen, dabei bin ich leicht gekleidet, mit einem seidenen grasgrünen Rock, den gelbe und rote Blüten zieren. Ein maisgelbes Top vollen-det die Kombination, während die goldene Beuteltasche lustig von der Schulter herabbaumelt. Kein Lüftchen weht auf der langen Strandpromenade.

Nach fünfunddreißig Minuten habe ich den Hafen erreicht. Ich bin erstaunt, die einzige Besucherin im Ristorante zu sein. Hier einen freien Platz zu bekommen, kam vor Jahren fast einem Lottogewinn gleich. Auch deutsche Laute waren in weit größerem Umfang zu hören als italienische. Heute ist es genau umgekehrt. So schnell ändern sich die Zeiten! Ich genieße die mich umwehende, frischere Brise und schaue den hereinkommenden und hinausfahrenden Seglern und Booten zu, während der Cameriere die Bestellung aufnimmt – eine Lemmonsoda.

Auch hier lasse ich meine Blicke schweifen. Zuerst zu den Berghängen des Hinterlandes, dann bis zur Spitze von Cattolica, bis sie vom Blau des Meeres angezogen werden und schließlich an den Farben meines Rockes hängen bleiben, darauf verweilen, mich zum Träumen inspirieren.
Drei Farben sind in meinem Leben von jeher bestimmend gewesen, sinniere ich:
Rot: die Farbe der Freude, der Liebe, des Sonnenauf- und Sonnenunterganges. Eine Farbe, die mir das Gefühl von Wärme und glutvollem Verlangen vermittelt, mich erregt wie die knisternden Scheite eines Torf- oder Kaminfeuers.

Gelb: leuchtend wie ein Ährenfeld, Butter- und Sonnenblumen gleich, den Sommer einläutend. Eine Farbe, die mir durch ihr Strahlen selbst in grauen Tagen einen Sommertag vorgaukelt, mich von Blü-te zu Blüte summenden Bienen, von flatternden Schmetterlingen träumen läßt.

Grün: eine Farbe, die nicht nur meinen Augen wohltut, sondern die mir das Gefühl von Wiesen, Wäldern und Hoffnung von wundersamer Ewigkeit schenkt.

Möwen flattern über mir, aufgeschreckt durch ein laut hereinjagendes Polizeiboot. Bereits gestern und heute vormittag kreisten Hubschrauber an der Küste entlang, stets in Alarmbereitschaft, Rauschgiftschmugglern das Handwerk zu legen. Zwei haben sie gestern gefaßt. Bald lassen sich auch die Möwen wieder auf dem Dach des Ristorante nieder. Stille – nur noch Wind und Meeresrauschen.

Ein junges Paar geht vorüber, eng umschlungen. Sie in einem türkisfarbenen Bikini, er in brauner Badehose. Ich schließe die Augen, nachdem der Cameriere mein Getränk gebracht hat. Sonne küßt meine Haut. Ihre Wärme läßt Wünsche erwachen, mich eintauchen in vergangene Zeiten. Zeiten, in denen sich unsere zwei mal zwei Hände zärtlich berührten, zwei Lippenpaare begehrend zueinander fanden, zwei Körper beglückend, die wie Sonnenglut brannten. Im Geist sehe ich das geliebte Gesicht.

Lautstarke Töne, der Traum ist vorbei.

Zwei Pärchen gehen erregt diskutierend an mir vorüber, wissen nicht recht, für welchen Tisch sie sich entscheiden sollen. Die vorn gehende Frau stolpert, ihr Begleiter faucht:

„Paß doch auf!“

Sie kontert: „Ich habe deine Meckerei jetzt endgültig satt!“

Er dreht sich um und geht in die entgegngesetzte Richtung.


Lieber allein als derartige Streitereien, denke ich und hole mein Italienisch-Buch heraus. Ich versu-che mich in die für meine Begriffe so musikalisch klingenden Laute dieser Sprache zu vertiefen.

Abend

Abend

Ein Himmel, übersät mit Sternen. Es ist für mich stets ein Wunder, daß ich neben all den anderen den so überaus hell leuchtenden Abendstern hier genauso bewundern kann wie meine Freundin zu gleicher Zeit in Saarbrücken, meine Lieben in der alten Heimat – in Dresden.
Eine Sternschnuppe fällt. Ich wünsche mir Gesundheit und daß ich noch des öfteren an diesen mir so lieb gewordenen Ort zurückkehren darf.
Ich habe mich heute besonders in „Schale“ geworfen – trage einen weißen Rock und ein türkisfar-benes Oberteil, dazu passenden Schmuck - und stürze mich in das Gewühl der Viale Dante. Die 1 ½ km lange Hauptgeschäftsstraße, in der sich ein Geschäft an das andere reiht, wird von gewaltigem Stimmengewirr beherrscht. Die Menschenmasse bewegt sich in Richtung Innenstadt mit ihren mosa-ikförmig ausgelegten Fußgängerzonen. Das ist das alte Riccione, grüne Perle der Adria genannt. Ferienstimmung ist zu spüren, und überall trifft man gut gelaunte Menschen, die das bunte Treiben bei nächtlicher Wärme genießen.
Plötzlich tritt einer der vielen Fotografen auf mich zu und nimmt mich ungefragt ins Visier. Ich bin überrascht, denke dann: Warum eigentlich nicht? Und schon dirigiert er mich zu einer Bank, umgeben von Grün. Das Blitzlicht flammt einige Male auf, und im nächsten Moment liegt seine Karte in meiner Hand, die besagt, wo ich die Bilder tags darauf abholen kann.
Ich gehe weiter, betrachte interessiert die Auslagen der Geschäfte und lasse mich schließlich in einer der großen Gelaterias nieder. Hier lausche ich den musikalischen Klängen einer Band, die vom Piaz-za di Roma herüberwehen und die Urlauber/Innen erfreuen. Des weiteren bestaune ich die sehr mo-disch gekleidete Damen- und auch Herrenwelt, wobei mich manches besonders stark schmunzeln läßt, anderes fast ein „Ah“ oder „Wie toll“ entlockt.
Als Gaumenfreude bestelle ich mir einen Eisbecher. Genußvoll beginne ich zuerst Obst und Schoko-ladeneis zu löffeln, als ein Ehepaar vor mir seinen Schritt verhält. Die Frau und ich schauen uns an, lachen und rufen plötzlich wie aus einem Mund: „Kreuzfahrt – was ist die Welt doch klein!“ Wir waren uns vor Monaten auf einem Kreuzfahrtschiff begegnet, und da es viel zu erzählen gab, setzen sie sich zu mir.
Bevor wir es merken, bewegen sich die Zeiger bereits auf Mitternacht zu. Mit den besten Wünschen füreinander verabschieden wir uns schließlich. Die Geschäfte haben immer noch geöffnet, und selbst die Kinderwagen werden trotz vorgerückter nächtlicher Stunde nach wie vor durch die beleb-te Innenstadt geschoben. Ganz unter dem Eindruck des Erzählten stehend, begebe auch ich mich auf den Rückweg zum Hotel. Am Hafen biege ich jedoch in die ruhigere Zone der schmaleren Pro-menade ab, die zum neuen Teil des Ortes führt. Frauen und mehrere Pärchen gehen vor mir. Eine Gruppe von zirka sechs jungen Männern kommt mir entgegen. Sie lachen, bilden eine Reihe, schei-nen etwas angeheitert und versperren mir den Weg. Ich bin mir nicht sicher, was da auf mich zu-kommt oder wie ich im Ernstfall reagieren soll. Ehe ich etwas sagen kann, tritt einer der jungen Männer aus dem Kreis heraus - ein sehr hübscher, junger Mann, muß ich gestehen -, nimmt mich in seinen Arm, küßt mich auf beide Wangen und ganz leicht auf die Lippen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, komme mir wie ein begossener Pudel vor, so perplex stehe ich da, während die anderen sich vor Lachen den Bauch halten. Was macht man/frau in solch einer Situation? Schließlich lache ich mit und frage, was sie sich dabei gedacht haben, immerhin könnte ich ihre Großmutter sein. Sie erklären mir, daß ich eine bella Signora sei und keineswegs wie eine Nona aussähe. Außer-dem hätten sie gewettet, daß er, sehr schüchtern, sich nicht trauen würde, eine fremde, gut gekleide-te Frau zu küssen. Und schließlich sei dann die Wahl auf mich gefallen. Der, der mich geküßt hat, flüstert leise:
 “Scusi, Signora.“
„So schlecht war es gar nicht für den Anfang“,
sage ich, nachdem ich mich von der Überraschung erholt habe, was erneut schallendes Gelächter auslöst und die Frage, ob auch die anderen mich, wenn auch nicht küssen, zumindest umarmen dür-fen, weil ich mitgespielt habe.
Zehn weitere Arme umfangen mich liebevoll, und der „Küssende“ darf es zum Abschied sogar noch einmal. Wir plaudern noch ein paar Minuten miteinander, soweit das meine Italienisch- und ihre Deutschkenntnisse zulassen. Lachend und winkend verabschieden wir uns.
Zu meiner eigenen Überraschung muß ich im nachhinein gestehen: so unangenehm war es gar nicht! Die letzten paar hundert Meter gehe ich besonders beschwingten Schrittes in Richtung Hotel und höre mich sagen: „welch ereignisreicher Tag!“

Brigitte Sattelberger
Riccione 2003


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